90elf – Das Fußball-Radio: Eine Annäherung

Ich bin bei neuen Dingen grundsätzlich immer etwas verhalten und sträube mich meistens über einen langen Zeitraum etwas neues auszuprobieren. Das zeigte sich beispielsweise daran, daß ich mich Ende des letzten Jahrtausends standhaft weigerte mir ein Mobiltelefon zuzulegen. Zu teuer, unnötig, brauch ich nicht. Bis mir dann ein Notfall die Notwendigkeit so einer technischen Spielerei vor Augen führte und heute kann ich nicht mehr ohne. Was das mit Fußball zu tun hat? Eigentlich nichts, aber dem selbsternannten „Fußball-Radio“ 90elf habe ich mich bis heute auch verweigert. Ob ich das in Zukunft weiterhin so handhaben werde, weiß ich noch nicht.

Als ich das erste Mal von 90elf gehört habe, klang das Projekt recht spannend. Freie Übertragungen aller Spiele, ob als Konferenz oder Einzelstream, für die erste und zweite Bundesliga. Das klang praktisch und versprach Ablenkung für die langweiligen verregneten Tage, an denen man mal keine Stream für irgendein bedeutungsloses Mittelfeldduell aus den Tiefen der zweiten Bundesliga fand. Allerdings waren die technischen Anforderungen (nicht nur) für meinen Rechner ein wenig zu hoch. Jedenfalls explodierte die CPU-Auslastung regelmäßig nach wenigen Sekunden und veranlasste mich die Streams abzuschalten. Eine wirklich Einschätzung der Leistungen von 90elf waren mir dadurch nicht möglich.

Jetzt wollte ich heute aber mal hören, was die andere Fortuna in der Landeshauptstadt bei ihrem Saisonauftakt so treibt und entschloß mich, doch mal wieder auf 90elf zurückzugreifen. Anmelden musste ich mich natürlich auch noch, weil ich meinen alten Account verschusselt hatte. Dabei sprang als erstes die überaus freundliche Auswahl verschiedener Leistungen ins Auge. Normalerweise sind solche Extrawürste wie Newsletter und ähnliches ja ausgewählt und man muß höllisch aufpassen, daß man sich nicht irgendwelchen Spam einfängt. Ist hier nicht der Fall, alles auf Null, man kann selbst entscheiden. Wer allerdings so wahnsinnig ist und 90elf erlaubt mit seiner Telefonnummer (die man freiwillig angeben kann) Schabrnack zu treiben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Konferenz, daß war mir beim Aufrufen der Seite schon aufgefallen, ist auch ohne Anmeldung frei zugänglich und die Prozessorleistung ist sehr reduziert worden, insofern konnte ich problemlos auf die Streams zugreifen. So weit zu den Rahmenbedingungen, jetzt in medias res:

Die Qualität der Kommentatoren lässt nämlich einiges zu wünschen übrig. Die Stimmen erscheinen alle ziemlich jung und ich werde das Gefühl nicht los irgendwelchen gegelten Sporthochschulabsolventen bei ihrer Quasselei zuzuhören. Phrasen über Phrasen, genuschelte Torchancen, hopleriger Satzbau und ähnliche Ausfälle. Ja ja, ich weiß, es ist nicht so leicht ein Spiel zu kommentieren und wenn man 45 Minuten am Stück vor sich hin hobeln muß, dann fallen eben auch einige grammatikalischen Späne.  Vielleicht bin ich auch ein wenig zu sehr durch die ran-isierung geschädigt, denn die Kommentatoren bei 90elf hören sich durch die Bank so an, als seien sie bei solchen Dampfplauderern wie Thomas Herrmann oder Wolff Fuss in die Lehre gegangen. Das liegt sicher auf dem Niveau der Privatsender, die im Einzugsbereich ihrer Radiostationen immer die örtlichen Erst- und Zweitligisten abdecken. In Köln ist das Radio Köln mit Guido Ostrowski. Der ist manchmal auch jenseits von Gut und Böse, aber dadurch, daß er immer nur in kleinen Zeitfenstern kommentiert, fallen manche Unzulänglichkeiten nicht großartig auf.

Die Einzelstreams von 90elf sind für mich jedenfalls unerträglich. Ob das jetzt daran liegt, daß keine der Mannschaften spielte, die mich wirklich interessierte, weiß ich nicht. Aber länger als 20 Minuten kann ich mir das nicht antun. Mich erinnerte das teilweise an die hilflosen Versuche von Bela Rethy während der EM 2008, als er beim Spiel gegen die Türkei einen Bildausfall durch eine Radioreportage aufzufangen versuchte. Das geht in der Glotze, meiner Meinung nach, immer in die Hose. Allein die Ansage „Wir machen das dann so wie früher im Radio…“ sorgt jedes Mal für einen kalten Schauer. Es wird kaum auf das Spiel bzw den Spielfluß eingegangen, sondern nur über irgendwelche Biographien von Platzwarten oder Kartenabreissern schwadroniert. Da bin ich Purist, daß interessiert mich nicht. Wichtig is‘ auffen Platz und das will ich beschrieben haben. Auch wenn nichts passiert.

Ein wenig anders sieht das bei der Konferenz aus. Durch die größere Abwechslung und den koordinierenden Moderator im Studio (wobei ich mal tippe, daß sich Kommentatoren und Moderator in ein und demselben Gebäude aufhalten) erhalten die einzelnen Reportagen durchaus eine Aufwertung. Das läßt sich wesentlich besser an, auch wenn der hirnfreie Quasselfaktor hier ab und an auch wieder viel zu hoch ist. Aber gerade für die zweite Liga ist daß durchaus eine Alternative. Wahrscheinlich hätte ich auch während Sonntagsspiele der letzten Saison auf 90elf zurückgegriffen, weil mir die WDR2-Schalten zum Wochenausklang doch etwas zu musiklastig waren. Eine Alternative zum samstäglichen „Liga Live“ auf WDR2 ist 90elf für mich allerdings nicht. Auch wenn Manni Breckmann jetzt sein Rentnerleben genießt.

Wer mich allerdings zu 90elf hinziehen könnte, wenn auch nur für ein Spiel, wäre Günther Koch. Wenn ich das eben während der Halbzeitpausenjingles richtig gehört habe, kommentiert die Stimme Frankens für den Sender und das wäre dann durchaus ein großes Plus (laut Wikipedia stimmt das sogar). Das würde ich mir dann sicher geben, insbesondere wenn der 1.FC Nürnberg spielt.

Was bleibt? 90elf ist sicher eine Alternative, wenn man unbedingt zeitnahe Informationen zu den Spielen der ersten und zweiten Bundesliga haben will und es mit der Qualität der Reportagen nicht so genau nimmt. Ansonsten fährt man mit den Sendungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten sicherlich auch nicht schlechter. Okay, die Musikauswahl ist etwas grenzwertig…

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