WM 2010: eine (unvollständige) Bestandaufnahme nach dem zweiten Gruppenspieltag

Der zweite Spieltag der Vorrunde ist beendet und so langsam kann man sich ja daran geben mal einen kleine Vorbilanz zu ziehen. Klar, die wichtigen Spiele kommen alle erst noch und ab der K.O.-Runde wird eh alles interessanter. Aber so ein paar Sachen fielen in den vergangenen Tagen schon auf, die kann man dann schon mal zusamentragen.

Fangen wir einfach mal mit der Qualität der bis jetzt gezeigten Spiele an. Da war die Latte wohl ziemlich hoch angesetzt, auch wenn nach dem ersten Spieltag ein bißchen Kritik durchaus gerechtfertigt gewesen sein mag. Sicher, Spitzenmannschaften wie Frankreich, England oder Italien haben nicht das abgerufen, wozu sie normalerweise im Stande sein sollten. Aber mal ehrlich, Frankreich hat sich durch die Qualifikation geschummelt, England versagt bei großen Turnieren regelmäßig und Italien spielt nicht anders als sonst. Von den sogenannten kleineren Mannschaften erwarte ich keinen Budenzauber und so ist ist zwangsläufig, daß eine Partie wie Slowenien-Algerien ein ziemlicher Langweiler wird. Hätte sicher auch anders kommen können, aber bei so was erwate ich wirklich nichts. Das sich selbst die Brasilianer gegen die Zementmischer aus Nordkorea schwer tun kann jeder nachvollziehen, der irgendwann mal auf dem Bolzplatz selber versucht hat gegen einen komplett defensiven Gegner Pässe in die Spitze zu spielen. Natürlich hätte ich mir gewünscht, daß es ein offensives Feuerwerk gibt, aber das war auch vor vier Jahren schon nicht besser. Nur das damals alles von dem „Sommermärchen“-Geseier überdeckt wurde. Das 2006 mit Frankreich und Italien zwei Mannschaften im Finale standen, die über das gesamte Turnier keinen berauschenden Angriffsfußball geboten hatten, wird anscheinend gerne in den Hintergrund gedrängt. Trotzdem finde ich persönlich ein Spiel wie Brasilien-Nordkorea interessant, gerade auch weil eine Mannschaft sich komplett hinten reinstellt und nur verteidigt.

Was die Favoriten angeht habe ich mit Frankreich, England und Italien schon einige Mannschaften genannt, die, um es mal vorsichtig zu formulieren, nicht ganz den Ansprüchen genügen, die an sie gestellt werden. Wobei Italien da sicher weniger reinfällt, der Fußball ist der gleiche wie vor vier Jahren. Frankreich und England sind allerdings sowohl auf als auch neben dem Platz eine einzige Enttäuschung. Was die Franzosen bieten tut eigentlich nur noch weh. Das wirkt wie eine Jugendmannschaft, die bockig ist, weil sie jeden Abend früh ins Bett muß, statt feiern zu dürfen. Vor dem Hintergrund der Qualifikation wirkt das ganze auf irische Betrachter wahrscheinlich doppelt bitter. Domenech hat sicher seinen Anteil daran, aber das Bild, daß dieser Haufen abgibt, ist einfach nur jämmerlich. Es stellt sich die Frage, wie diese Spieler je wieder zusammen eine Mannschaft bilden sollen, wenn es – laut Presseberichten – schon so viele Grüppchen gibt. Die kommen doch nie wieder auf einen grünen Zweig und müssten eigentlich zur EM-Quali mit 22 komplet neuen Spielern antreten. Das dürfte lustig werden.
England. Oje, England. Ich habe letztens irgendwo gelesen, daß es vielleicht an der Zeit ist die englische Mannschaft vor einem großen Turnier einfach mal von der Liste der Titelfavoriten zu streichen. Die Spieler mögen ja alle hochtalentiert sein, aber als Gesamtpaket ist das eine einzige Luftblase, da kann auch ein Spitzentrainer wie Capello nicht viel retten. Im Testspiel gegen Mexiko vor der WM wirkte das schon alles ein wenig wackelig und nur die Sandardsituationen sahen vielversprechend aus. Die Abwehr war hingegen extrem anfällig, gerade bei kleinen, schnellen Stürmern, die flach angespielt werden. Im Spiel gegen die USA gab das frühe Tor keine Sicherheit, gegen Algerien merkte man, daß es nur um Schadensbegrenzung ging. Hinten bloß keinen kassieren und vorne auf den lieben Got hoffen. Klingt nicht gerade nach einem Spitzenteam. Die Torhüterleistung spare ich mir, das überlasse ich den gehässigen Boulevardblättern.

Warum hingegen Spanien nach der Auftaktniederlage gegen die Schweiz als Enttäuschung angesehen wird, ist mir ein Rätsel. Mehmet Scholl hat es in der Analyse gut zusammengefasst. In 8 von 10 Fällen gewinnt Spanien so ein Spiel. Die Art und Weise wie die Bälle wie an der Schnur gezogen ihre Empfänger finden ist wunderschön anzuschauen und in diesen 8 von 10 Fällen findet die Mannschaft dann auch einen Weg um den Ball im Tor des Gegner unterzubringen. Gegen Honduras sah das schon wieder wesentlich leichter aus. Ich halte Spanien jedenfalls, was die Spielanlage angeht, für die beste Mannschaft des Turniers, zusammen mit Brasilien.

Womit wir bei Argentinien wären. Sicher, sah gut aus, wirkt auf mich aber auch ein wenig auf Sand gebaut. Jedenfalls mit der Abwehr (Hallo, Herr Demichelis) da hinten drin. Gleiches gilt übrigens auch für Deutschland, die sich gegen eine völlig indisponierte australische Mannschaft zwar in Galaform präsentierten, gegen Serbien aber alles auf den Schiedsrichter schieben mussten (typisch deutsch), um Erklärungen für die Niederlage zu finden. Das mindert nichts an der Qualität Deutschlands, das Problem bzw Risiko ist allerhöchstens die Unerfahrenheit vieler Spieler, die ihr erstes großes Turnier spielen. Erklärt natürlich auch nicht, warum mit Klose einer der Erfahreneren vom Platz fliegt, aber sei’s drum. Wirklich bange ist mir jedenfalls nicht, gegen Ghana sollte die zweite Runde klar gemacht werden. Wie weit es danach geht, läßt sich nicht wirklich voraussagen.

Die Niederlande, Portugal oder Dänemark sollten alle die nächste Runde erreichen. Wobei Oranje die eigenen Anhänger sicher am meisten enttäuscht haben dürfte mit ihrer Art zu spielen. Erfolgreich sind sie trotzdem, und wenn sie das beibehalten, dann könnte es weit gehen. Sicher auch sehr zum Ärger der Deutschland-Anhänger, allein aus dem Grund würde ich mich freuen, wenn die Niederlande ein gutes Turnier spielen. Portugal schwimmt nach dem 7:0-Triumph gegen Nordkorea ganz weit oben, fällt aber sicher auch noch auf die Nase. Ein bißchen leid tut es mir wieder für die Elfenbeinküste. Zweimal gut gespielt, beide Male nichts bei rumgekommen.

Bevor ich mich dem Drumherum der WM widme noch eine Bemerkung am Rande: bestes Spiel bis jetzt war für mich Slowenien-USA. Das hatte alles. Dramatik, Tempo, schöne Tore, Fehlentscheidungen. Höchst unterhaltsam.

So, jetzt zu den wichtigen Themen. Der Ball! Wenn man das so hört und liest, was alles zum WM-Ball gesagt und geschrieben worden ist, dann könnte man den Eindruck gewinnen, daß vorher entweder mit viereckigen Dingern gezockt wurde, oder unser hochgeschätzen und vor allem hochbezahlten Lieblingskicker sind allesamt unfähig zur Improvisation. Ich kann mich erinnern, als ich das erste Mal nicht mehr mit den Kanonenkugeln aus den 80ern gespielt habe (ich glaube, das war „Rotero“, der Ball zur EURO 2004), war eine Wohltat. Man konnte ganz neue Sachen mit so einem leichten Ding anstellen. Allerdings, und das fällt dann auch bei dieser WM auf. die Flugbahn, gerade bei langen Bällen, ist schon ein Umstellung. Allerdings hatten wir das dann auch nach einer Stunde raus. Die Flanken, die reihenweise ins Niemandsland gehen, erklärt das aber beim besten Willen nicht. Das verbuche ich wirklich unter technischer Unzulänglichkeit und damit wird’s dann wirklich ein Armutszeugnis. bei Torhüters scheint es in der Tat einen Unterschied zu machen, wenn man den Aussagen trauen darf. Wenn so ein Ding kurz vor dem Kasten auf einmal auch nur um ein paar Zentimeter die Flugbahn ändert, dann ist das einfach nur fies.

Das ist aber sicher nicht der Grund für die eher mauen Offensivleistungen bis jetzt. Ich habe da einen anderen Verdacht. Wobei der auch sehr weit hergeholt und vor allem völlig subjektiv ist. Und die Unpäßlichkeiten bei der Ballbehandlung nicht erklärt. Aber ich denke dennoch, daß die große Gleichmachertröte einiges an Schuld trägt für die uninspirierten Auftritte. Für mich lebt Fußball nicht nur von dem, was auf dem Rasen passiert, sondern auch von der Aktion auf den Rängen. Ich gebe es zu, manchmal sehe ich bei einer Liveübertragung nicht hin, sondern folge dem Spiel nur per Gehör, was wunderbar funktioniert, wenn man die unterschiedlichen Fangruppen schreien, brüllen, aufstöhnen, singen oder jubeln hört. Funktioniert bei dieser WM überhaupt nicht und ist extrem nervtötend. Ich habe keine Ahnung, inwieweit das Auswirkungen auf die Spieler hat. Aber wenn man mal eine Mannschaft, die zurückliegt und von den eigenen Fans nach vorne getrieben wird, gesehen hat, dann kann man die Unterstützung von Außen gar nicht hoch genug bewerten. Wenn sich das ganze Stadion allerdings wie der Auftritt der Drone-Band SUNNO)))) anhört, dann wird es wahrscheinlich etwas schwer, den Willen zu finden alles nach vorne zu werfen. Für mich persönlich machen diese Dinger einfach das Gesamterlebnis zunichte. Es ist schade, daß man diese Band nicht hört, die 90 Minuten während eines Nigeriaspiels musiziert. Mir fehlen die Gesänge der Argentinier, Italiener, Spanier oder Engländer. Den Radau, den die südkoreanischen Schlachtenbummler veranstalten kriegt man auch nicht wirklich mit. Es bleibt abzuwarten, ob mit dem Ausscheiden der afrikanischen Mannschaften Besserung eintreten wird.

Wobei, „Erlebnis“ ist ein gutes Stichwort. Die FIFA hat es mittlerweile geschafft, daß eine Fußball-WM nur noch als „Event“ begriffen wird. Sobald Menschen auf den Tribünen sich auf der Großbildleinwand im Stadion entdecken wird gewunken bis der Arm abfällt. Nervt auch. Gehört aber wohl irgendwie dazu. Ich weiß schon, warum ich mir Länderspiele lieber in der Glotze ansehe.

Alles in allem bleibt noch einiges an Luft nach oben und ab dem Achtelfinale sollte es hoffentlich besser werden. Bleibt die Frage, ob sich die Dominanz der südamerikanischen Mannschaften fortsetzen wird. Nach dem Gesetz der Serie ist eh wieder Brasilien dran. Haben bis jetzt alle Turniere außerhalb von Europa und Südamerika gewonnen (1994 USA und 2002 Japan/Süd-Korea).

Zum guten Schluß noch zwei schöne Artikel (via allesaussersport):
meedia.de – WM-Kommentatoren im MEEDIA-Check: Warum Oli Kahn der beste neue Netzer ist (Zugegeben, etwas fragwürdige Einschätzung, die ich beim besten Willen nicht teile!)
sportal.de – Nicht der Fußball ist schlecht, sondern das Fernsehen, das ihn zeigt

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