WM 2010: Keine Rechtfertigung mehr nötig

Das Viertelfinale gegen Argentinien ist gerade mal erst zwei Tage her und mir fehlen trotzdem immer noch die Worte. Ich kann mich mit viel gutem Willen bis 1982 zurückerinnern als das erste große Turnier, bei dem ich als Zuschauer am Fernsehschirm dabei war, aber so eine Darbeitung habe ich von einer DFB-Auswahl bis jetzt noch nie zu sehen bekommen.

Natürlich verklärt sich einiges im Laufe der Zeit. Gurkenkicks werden zu Abwehrschlachten, ein Sieg mit mehr als zwei Toren Unterschied wird gleich zu einer Machtdemonstration oder einer Demütigung. Aber selbst mit dem Blick durch die völlig rosarote Brille kommt mir kein Länderspiel, weder bei noch außerhalb eines großen Turniers, in den Sinn, daß es mit dem aufnahmen könnte, was sich am Samstag auf dem Rasen in Kapstadt zugetragen hat. Die Leichtigkeit, die Spielfreude, all das, was man in den Jahren und Jahrzehnten zuvor nie von einer deutschen Nationalmannschaft geboten bekommen hat, war in diesen 90 Minuten enthalten.

Ich habe mir im Anschluß an das Spiel mal die Mühe gemacht ein wenig durch die internationale Presse zu stöbern. Normalerweise wird einem DFB-Team ja nichtmal das Schwarze unter den Fingernägeln zugestanden. Aber dieses Mal war selbst der größte Kritiker voll des Lobes. Ein ungewohnter Anblick für Anhänger der „Mannschaft“, die sich eigentlich immer für ihre hässlich erkämpften Erfolge rechtfertigen muß. Nein, am Samstag schien sich die ganze Welt einig zu sein, man habe soeben den kommenden Weltmeister gesehen.

Und doch, ich traue dem Braten noch nicht. Und ich will da gerne auch einen Grund für anbringen. Minute ca. 35 – ca. 65. In dieser zeit sah man der Mannschaft an, daß sie eben nicht über ausreichend Veteranen verfügt, die in Druckphasen des Gegners auch mal für Ruhe sorgen und nicht alles in Chaos aufgehen lassen. Gut, Chaos war das nicht, was Deutschland in diesen Minuten gespielt hat. Aber es war auch nicht sonderlich souverän. Und es war vor allen Dingen nicht das erste Mal. Schon gegen England lag die Schwächephase genau in den Viertelstunden vor und nach der Pause. Ich hoffe, man straft mich am Mittwoch Lügen, aber je länger es 0:0 stehen wird, desto größer werden die Chancen für eine ziemlich kompromisslose spanische Mannschaft, die sich den Gegner so lange zurecht legt, bis es ihr wirklich 100% passt.

Achtung, es folgt ein Allgemeinplatz: Fußball ist ein Spiel, in dem sehr viel davon abhängt wann was passiert. Trifft Thomas Müller nicht so früh, entwickelt sich ein völlig anderes Spiel. Gibt der Schiedsrichter das Tor für England, kommt die deutsche Hintermannschaft wesentlich stärker ins Schwimmen. Hätte, könnte, sollte, alles zu viel Konjunktiv, es kam ja glücklicherweise anders. Aber auch gegen Spanien braucht Deutschland dieses Glück, ohne welches eine Mannschaft eben kein Weltmeister werden kann. Und das meine ich gar nicht negativ.

Denn es ist ja nicht nur Glück, daß Deutschland im Turnier so weit gebracht hat. Wo fängt man da an? Ich denke, am meisten überrascht bin ich von der Entwicklung, die Bastian Schweinsteiger genommen hat, der sicher der Anker im Spiel ist. Ich bezweifele außerdem, daß das Zusammenspiel mit Michael Ballack genauso gut geklappt hätte, wie es jetzt mit Sami Khedira funktioniert. Und das Schweinsteiger dann auch noch Zeit und Muße hat durch den argeninischen Strafraum zu spazieren um einen Ball für Arne Friedrich zu servieren, daß verdient dann schon völlig zurecht das Prädikat „Weltklasse“. Überhaupt, Arne Friedrich. War für mich vor Beginn des Turniers der Wackelkandidat schlechthin und auch wenn ich die Abwehr immer noch nicht für völlig überzeugend halte, so muß ich zu meiner Schande doch anerkennen, daß Friedrich hinten eine Wahnsinns-WM spielt. Ohne den würde man jetzt wahrscheinlich besser wissen, woran man an Manuel Neuer ist. Den zu beurteilen finde ich unglaublich schwierig, weil er bis jetzt nichts wirklich gefährliches auf seinen Kasten bekommen hat. Das Gegentor gegen England läßt Böses erahnen, schön war das jedenfalls nicht.

Das Müller so einschlägt, geschenkt. Aber das der Sturm von 2006 mit Podolski und Klose wieder so abgeht, damit hätte wohl niemand gerechnet. Irgendwas muß Löw anders machen als die Trainer in Köln und die täten gut daran sich mal zu erkundigen, was das genau ist.

Es macht anscheinend nicht nur mir Spaß dieser Mannschaft bei ihrer Arbeit zuzusehen und ich würde mir wünschen, daß dieses Mal nicht schon wieder in der Vorschlußrunde Endstation ist.

In der anderen Hälfte der K.O.-Runde, um mal den Bogen zu großen Ganzen zu spannen, ging es ja auch hoch her und der niederländische Sieg über Brasilien war auch so etwas wie eine Genugtuung. Ich kann diesen kickenden Bibelkreis nicht ausstehen und wenn dann auch noch so eine Schwalbe wie Robinho sich über Robben aufregt, weil der ständig auf der Nase liegt, dann ist es doch höchst amüsant, daß die Selecao schon wieder zu Hause ist. Ein bißchen leid tut es mir für Ghana und die USA. Klar, die mußten gegeneinander im Achtelfinale ran, aber für beide war die Ausgangslage günstig, daß für sie das Halbfinale drin gewesen wäre. Das Ghana dann derart tragisch (und doch regelkonform) ausscheiden mußte ist natürlich sehr traurig. Für die USA tut es mir auch leid, gerade für deren Fans in der Heimat. Denn wer so mitgeht, tut mir leid, der ist kein Fußballentwicklungsland. Auch damit muß sich die Welt anfreunden: die USA sind von der internationalen Fußball-Landkarte nicht mehr wegzudenken.

Was bleibt, ist Vorfreude. Nach den offensichtlichen Startschwierigkeiten, die das Turnier als Ganzes durchaus hatte, bin ich mittlerweile wieder völlig gefesselt. Ein Traumfinale steht in Aussicht, was will man den mehr.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s