Auswärtsspiel: New York Red Bulls – Kansas City Wizzards 1:0 (Red Bulls Arena)

Es gibt ja eigentlich nichts schöneres, als sich mal fremde Stadien in anderen Länern anzusehen. Einzutauchen in fremde Fußballkulturen. Den grundsätzlich andersartigen Schlachtgesängen zu lauschen. Und sich vor allem von tollen Spielen begeistern zu lassen. Wenn ich jetzt allerdings anführe, daß ich bei meinem New York Besuch zu einem Spiel der New York Red Bulls gegen die Kansas City Chiefs gegangen bin, dann fällt das sicherlich nicht in die normalen Reiseziele um sich ein Fußballspiel anzutun.

Die nordamerikanische Major League Soccer dürfte so ziemlich die unbeliebteste veranstaltung auf dem gesamten Planeten sein, wird sie doch nicht nur von fast allen europäischen Fußballfans als Operettenliga verspottet, in der altersschwache Ex-Stars für ein paar Dollar mehr noch ein paar Jahre die Knochen hinhalten, bevor das Karierreende naht. Auch die Medien im eigenen Land prügeln mächtig auf die Spielklasse ein, weil Fußball ja so grundverschieden vom amerikanischen Sportverständnis sei. Die niedrigen Ergebnisse, die ständig am Boden liegenden und sich vor schmerzen krümmenden Spieler, all das sei völlig unamerikanisch.

Da mag sicherlich etwas dran sein, vor allem an den Altstars, aber eine Chance hat der Versuch die beliebteste Mannschaftssportart des Planeten auf dem nordamerikanischen Kontinent bekannt und geschätzt zu machen dennoch verdient. Vorab eine kurze Einführung: im Zuge der doch recht erfolgreichen WM 1994 entschloß man sich nach dem Anfang der 80er mit der NASL gescheiterten Versuch eine neue Profiliga für Fußball in Nordamerika zu gründen. 1996 mit ursprünglich 10 Teams gestartet zählt die Liga heute zwei Staffeln mit je acht Mannschaften und wird in der nächsten Saison 2011 um weitere zwei Clubs (einen in Kanada, einen in den USA) erweitert. Das ganze bewegt sich, vor allem, was das Niveau der Spiele und das Zuschauerinteresse angeht, noch auf einem ziemlich niedrigem Level, aber das Potential ist in jedem Fall vorhanden. Sonst hätte man nach 14 Jahren nicht 16 stabile Clubs.

Als ich meinen Ausflug über den großen Teich plante, schlug mein Kumpel, den ich in New York besuchen wollte, einen Abstecher zum lokalen Fußballverein vor. Normalerweise gehen bei jedem halbwegs interessierten Fußballanhänger die Alarmglocken los, wenn man den Namen „Red Bulls“ hört, aber es ist nunmal besser als nichts und schlimmeren Fußball als in der Oberliga dürfte es auch nicht geben. Ich sagte also zu und wir zogen in einer kleinen Gruppe in Richtung New Jersey, wo sich die neue, extra für den Verein gebaute Arena befindet.

Mein Gastgeber hatte sich vor dem Spiel ein wenig schlau gemacht und eine Kneipe in Stadionnähe gefunden, wo sich wohl ein paar Fanclubs vor jedem Spiel versammeln. Als wir dort ankamen bot sich eine angenehme Überraschung. Auf einem Parkplatz spielten mehrere Ska-Punk Bands auf einer improvisierten Bühne, es gab billiges Bier und die Iro-Quote bei den Besuchern war extrem hoch. Für den europäischen Besucher mag es ein wenig irrtierend sein, daß sich niemand am namensgebenden Aufputschgesöff störte, aber es schien, als ob die Ansammlung von Menschen dort sehr hinter ihrer Mannschaft stehen und einfach nur glücklich sind einen Club zu haben, bei dem sie professionellen Fußball sehen können. Auf dem Gelände gabe es neben diversen Getränke- und Fress-Ständen auch ein paar Merchandiseverkäufer, die u.a. auch Thierry Henry Shirts im Ramones-Logo anboten. Ab und an flogen ein paar Knallfrösche durch die Gegend und es erschallten, je näher der Anpfiff rückte, hie und da ein paar Schlachtrufe.

Irgendwann setzten wir uns dann in Bewegung und gerieten in einen Mob von Hardcore-Supportern des ESC, die ununterbrochen singend und Knallkörper werfend leicht alkoholisiert in Richtung Stadion zogen. Die Arena selbst unterscheidet sich nicht wirklich von den modernen Dingern, mit denen Hellmich und Co. in den letzten Jahren die Bundesligastädte vollgepflastert haben. Einen wirklich Charakter hat das Ding nicht, aber, und das fiel auf, als man sich zu seinen (Sitz-)Plätzen begab: man ist unglaublich nah am Geschehen. Das gesamte Stadion hat Sitzplätze und keine Zäune, was vielleicht nicht unbedingt hilfreich für die Stimmung sein mag, aber in unserem Block hinter einem Tor brauchte eh niemand eine Sitzschale, dort wurde 90 Minuten gestanden.

Wir suchten uns also gute Plätze (die auf den Eintrittskarten angegebenen Sitznnummern interessierte in dem Block eh keine Sau) und warteten auf den Anpfiff. Die um uns herumstehenden Fans wurden schon stimmgewaltig von drei Kapos bearbeitet, die in gleichen Abständen auf die Anwesenden einsungen. Beim Einmarsch der Mannschaften gab es dann die erste Überraschung. Zeitgleich wurden in drei Blocks Rauchbomben gezündet. Was in Europa wahrscheinlich zu einem Großeinsatz der anwesenden SEKs geführt hätte, schien hier zum Ritual zu gehören. Jemand will gar gesehen haben, daß ein Cluboffizieller sich am Zünden der Bomben beteiligt haben soll. Sachen gibt’s.

Als sich der Rauch verzogen hatte, konnten wir einen Blick auf das Geschehen auf dem Feld werfen, das, ehrlich gesagt, nicht wirklich berauschend war. Alles in allem würde ich durschnittliches Drittliganiveau als Vergleich heranziehen. Henry schien völlig in der Luft zu hängen, weil seine Mitspieler einfach nicht in der lage waren ihn mit vernünftigen Bällen zu füttern. Außerdem hat es sich natürlich auch bis in die USA herumgesprochen, daß der ein bißchen was am Ball kann, und so wurde er bei fast allen seinen Aktionen gedoppelt. Trotzdem ging Red Bulls nach einem kapitalen Abwehrboch von Kansas City nach nur 6 Minuten in Führung in schleppte den Vorsprung über die Zeit, was die Sicherung eines Playoff-Platzes bedeutet. Schwamm drüber.

Was mich viel mehr beeindruckt hat war, daß die Fans wirklich 90 Minuten ohne eine Pause durchgesungen haben. Dabei erstreckte sich das Repertoire nicht nur auf die auch in Europa bekannten und schon x-mal durchgenudelten Gesänge (erfrischenderweise gab es „Seven Nation Army“ NICHT zu hören), sondern auch auf lateinamerikanische Einflüsse und einige Schlachtrufe, die ich bis jetzt noch nie in einem Stadion gehört habe. Mal ehrlich, welche Supporter können schon mit einiger Überzeugung einfach mal „I wanna be sedated“ von den Ramones schmettern, weil die Band eben aus ihrer Heimatstadt kommt? Weiterer netter Einfall: der Surf-Klassiker „Wipe Out“ wurde mal kurz dafür genutzt minutenlang schunkelnd durch den Block zu hüpfen (und das sieht dann so aus. Oder halt so.). Klang nicht nur gut, sah auch noch super aus.

Die MLS mag über eine im Vergleich zu den europäischen Ligen recht kurze Geschichte verfügen, aber selbst die wird von den Fans in New York weiterhin hoch- und in Ehren gehalten. Der Club firmierte bis zur Red Bull-Übernahme 2006 als die New York/New Jersey MetroStars. Wir erinnern uns, der Verein, zu dem Anfang 2000 ein überalterter Lothar Matthäus wechselte, um sich für die EM 2000 in Form zu halten und in der Zwischenzeit die lokalen Medien mit lustigen Denglisch-Pressekonferenzen zu bespaßen.

Das Erbe der MetroStars lebt bis heute in diversen Schlachtgesängen fort und wirkt sogar präsenter als der heuitige Name des Teams. Wenn ich mich richtig erinnere, dann habe ich nicht einen einzigen Gesang gehört, in dem der Name „Red Bulls“ vorkam. Der Support brauchte sich jedenfalls hinter nichts, was aus Europa kommt, zu verstecken. Das sind Leute, die genauso mit ihrem Team mitgehen, wie bei uns auch. Was allerdings auffiel, waren die fehlenden Auswärtsfans. Logisch, Kansas City liegt auch 1.000e Meilen von New York entfernt, da kann man nicht mal so eben mitfliegen. Schade eigentlich, aber vielleicht ist die Stimmung bei Spielen gegen die Lokalrivalen aus Boston, D.C. oder Philadelphia noch besser, als sie während dieses Spiels ohnehin schon war. Der Besuch war jedenfalls schonmal sehr überzeugend. Angeblich sollen 25.000 Zuschauer da gewesen sein. Kann ich mir bei den doch recht großen Lücken insbesondere auf der Gegengerade eigentlich nicht erklären und wahrscheinlich wurde da auch wenig frisiert. Aber an die 20.000 werden es schon gewesen sein, und das halte ich schon für bemerkenswert. Mir wurde auch gesagt, daß gerade bei Spielen gegen D.C. United oder L.A. Galaxy wesentlich mehr Zuschauer den Weg ins Stadion finden würden.

Der Grundstein für Fußballbegeisterung in New York ist auf jeden Fall gelegt und dürfte in den nächsten Jahren sein übriges tun, um den zuspruch noch weiter wachsen zu lassen. Und als ob das nicht genug wäre wird in New York seit ein paar Wochen die gesamte Stadt mit Aufklebern zugekleistert, die das Logo von New York Cosmos zeigen, jener legendären NASL-Mannschaft mit Beckenbauer und Pelé. Irgendein Geschäftsmann scheint sich die Rechte am Markennamen gesichert zu haben und versucht nun einen weiteren MLS-Club aus New York entstehen zu lassen. In Brooklyn-Williamsburg klebten auf einer Holzwand diverse Bilder, die alte Cosmos-Spieler zeigten. Sollte es tatsächlich gelingen, den alten Namen wieder im nordamerikanischen Profifußball zu platzieren, dann würde das sicher noch ein paar Zuschauer mehr mobilisieren. Von einem New Yorker Lokalderby mal ganz zu schweigen.

Ich hab mich jedenfalls prächtig amüsiert und werde meinen nächsten Besuch im Big Apple wieder so legen, daß ich zu einem Red Bulls-Heimspiel gehen kann. Bis zum nächsten Mal.

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