16 years of hurt? (Deutschland – Italien 1:1)

Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich Menschen ein Fußballspiel wahrnehmen können. Wenn man die Spielberichte und die dazugehörigen Bewertungen der Spieler heute liest, dann könnte man meinen, daß auf unterschiedlichen Sendern verschiedene Spiele mit unterschiedlicher Qualität angeboten wurden. 

Ich persönlich hatte eigentlich nichts außergewöhnliches erwartet. Man kennt diese spätwinterlichen Testspiele ja zur Genüge. Es geht um nichts, die Spieler geben sich alle Mühe sich nicht zu verletzen und am Ende steht – je nach Gegner – entweder ein eher glanzloses Unentschieden oder ein Kantersieg, bei dem sich die überlegene Mannschaft über weite Strecken schwertat, bis das erste Tor fiel. Vor dem Aufeinandertreffen von Deutschland und Italien konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, hier wird der nächste Weltmeister gekürt, so sehr hatte die hiesige Presse ins nationale Horn gestoßen. Der nationalistische Hype im Vorfeld des 2006er Halbfinales wurde glücklicherweise nicht kopiert, aber hier und da konnte man dennoch bemerken, daß es für einige Menschen wieder ein schönes Ventil für ihre chauvinistischen Ressentiments war. Und weil die ewige Leier von „keinem Sieg mehr gegen einen Großen seit dem 1:0 gegen England in Wembley“ auch keiner mehr hören kann, stürzt man sich jetzt auf die Durststrecke gegen die italienische Nationalmannschaft, gegen die seit 1995 nicht mehr gewonnen werden konnte. Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient…?

Das Spiel selbst war nett anzusehen, allerdings kein Kracher, und lebte hauptsächlich von der Spannung, die durch den knappen Spielstand enstand. Mein „man of the match“ wäre Mesut Özil, dem man wirklich anmerken konnte, daß er sein Spiel auf eine völlig neue Ebene gehoben hat. Die Sicherheit, mit der er agierte, und sein selbstbewußtes Auftreten, waren eine Augenweide. Demgegenüber fiel insbesondere die rechte Abwehrseite mit Lahm und vor ihm Müller extrem ab. Die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft selbst fand ich schon ziemlich überraschend, besonders im Hinblick auf keinen einzigen BVB-Akteur in der Startelf. Und das sage ich ohne Blick durch die Fanbrille. Schmelzer und Hummels wären meiner Meinung nach die besseren Alternativen für die Startelf gewesen. Warum Khedira so schlecht weggekommen ist wird mir auch nicht klar, vor allem, wenn man sich ein Interview, daß er der FAZ vor dem Spiel gegeben hat, zu Gemüte führt.

„Offensivvorstöße kosten sehr viel Kraft, erst recht über die Dauer einer Saison. Da wird man müder, auch im Kopf. Ich habe jetzt 35 oder 38 Spiele in den Beinen, aber ich bin immer noch sehr frisch. Ich habe noch nicht einmal das Gefühl gehabt: Die Saison geht noch so lang. Das war aber in den vergangenen Jahren oft der Fall. Ich habe jetzt einfach Lust darauf, jedes Spiel zu spielen, konstant über eine Saison auf hohem Niveau. Ich verstehe es jetzt auch besser, ein Spiel zu lesen, noch intelligenter zu spielen, noch mehr für die kreativen Spieler wie Özil, Ronaldo oder di Maria zu arbeiten. Sie sollen noch weniger Sorgen haben: Wenn sie den Ball verlieren, bin ich trotzdem da.“

Das so jemand wie Bartels ihm dann vorwirft, er würde zu enig für die Offensive tun, ist fast schon ein Armutszeugnis für die Vorbereitung des Kommentators auf ein Länderspiel.

Die Diskrepanz zwischen den Bewertungen der gezeigten Leistungen zeigt sich auch sehr schön an Holger Badstuber. Den habe ich solide, aber nicht überragend gesehen, bei spox.com war er der Star des Spiels (was zu Recht in den Kommentaren moniert wird). Nun gut, neben einer Slalonstange wie Mertesacker sieht natürlich jeder gut aus. Trotzdem verstehe ich nicht, wie man den z.Z. besten Innenverteidiger der Bundesliga nicht in die Anfangsformation stecken kann.

Die Auswechslungen haben dem Spiel dann den Elan genommen und so blieb letztendlich nur in der Schlußphase ein wenig Spaß übrig, weil anscheinend beide Mannschaften dann doch noch gewinnen wollten. Ansonsten wiedermal viel Lärm um nichts und die Erkenntnis, daß eben doch nicht alle das gleiche Spiel gesehen haben.

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