Von Vaterlandsverrätern und Fahnenflüchtlingen

Ein Thema, daß mir seit längerer Zeit schon auf den Nägeln brennt und zu dem ich mich immer mal in einem Blogeintrag auslassen wollte, wurde mir gestern erst wieder durch eine Agenturmeldung vor Augen geführt, also nutze ich doch einfach mal die freie Zeit am Wochenende und fange an zu schreiben. Es geht um die Entscheidung, für welche Nationalmannschaft ein Spieler spielen möchte, wenn er vor der Wahl steht sich zwischen zwei Staaten entscheiden zu müssen.

Die ganze Thematik ist ja nun nicht wirklich neu, die Entscheidungen werden ja schon seit geraumer Zeit getroffen. Allerdings hat die FIFA einiges dafür getan, daß die Spieler sich nicht mehr allzu „endgültig“ entscheiden müssen. War vor einiger Zeit ein Einsatz während irgendeines Spiels schon ausreichend um für ein Leben an einen Verband gebunden zu sein, so zählen seit kurzem nur Auftritte in offiziellen Punkt- bzw Wettkampfspielen wie einer Qualifikation oder bei einem großen Turnier wie EM oder WM. Es sollte nicht außer acht gelassen werden, daß es in der Geschichte des Fußballs schon häufig Beispiele für Spieler gab, die nicht für ihr Geburtsland bzw das Land ihrer Eltern aufgelaufen sind. Alfredo di Stefano wäre so einer. Die halbe französische Nationalelf von 1998 (wahrscheinlich sogar mehr als die Hälfte) hätte für diverse afrikanische Mannschaften auflaufen. In Großbritannien können sich Spieler zwischen diversen Verbänden entscheiden, so sie denn eine entsprechende Ahnenlinie nachweisen können.

Auch wenn die oben verlinkte Meldung mit Gündogan den umgekehrten Fall beschreibt: Was allerdings auffällt ist, daß in letzter Zeit verstärkt dazu übergegangen wird Jugendlichen, die mit Migrationshintergrund in Deutschland ausgewachsen sind, Vaterlandsverrat vorzuwerfen, sollten sie sich bei einer Nationalmannschaftskarriere  für das Land ihrer Eltern entscheiden. Das war, wenn ich mich richtig erinnere, bei Nuri Sahin schon so, der 2005, nachdem er gefühlt alle Altersrekorde der Bundesliga gebrochen hatte, zu allem Überfluß noch während eines Freundschaftsspiels in Istanbul gegen Deutschland eingewechselt wurde und ein Tor erzielte. Ich kann keine Belege vorbringen, meine mich aber an eine Stimmung zu erinnern, in der die einschlägigen Medien vorwurfsvoll mit dem Finger auf Sahin zeigten, weil er sich nicht für das Land entschieden habe, daß ihm die Möglichkeit gab erst die Fähigkeiten eines Nationalspielers zu erwerben.

Die gleiche Argumentationskette findet sich aktuell bei Alexander Merkel, der aus Kasachstan auswanderte, in Stuttgart die meisten Jugendabteilungen durchlief und nun beim AC Mailand an die Startelftür anklopft. Hierbei fällt auf, daß das Thema, für welche Nationalelf er sich entschieden würde/sollte/könnte, zwar in den Medien behandelt wird, die ausgesprochen unschönen Äußerungen aber eher in den User-Kommentaren bei einschlägigen Sportseiten im Internet (wie beispielsweise hier oder hier) zu finden sind.

Was verwundert ist, daß dort sehr oft Dankbarkeit für die Ausbildung gefordert wird. Nach dem Motto „der Kerl hat hier Fußball spielen gelernt, also soll er gefälligst auch für uns spielen“. Das sind wahrscheinlich die gleichen Vögel, die ohne weiteres kein Problem damit hätten, wenn Neven Subotic die deutsche Abwehr verstärken würde, obwohl er nachweislich das Fußballspielen in den Vereinigten Staaten erlernt hat. Und das ganze wird dann sekundiert durch Fußballreporter, speziell im Privatfernsehn, die in das gleiche Horn stoßen und vom DFB mehr Engagement fordern, wenn es darum geht, sich die Dienste von Einwandererkindern für die Nationalmannschaft zu sichern. Ich frage mich, wo die Geschichte dann irgendwann enden wird. Bei Aufwandsentschädigungen an den ausbildenden Verband? Müssen die Spieler sich am Ende freikaufen, um für die Mannschaft ihrer Wahl auflaufen zu dürfen? Wird es Ablösesummen für Nationalspieler geben?

Die nationale Überhöhung von Ländermannschaften ist mir seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge. Seit der Europameisterschaft 2004 bzw wahrscheinlich seit dem Erfolg der deutschen Nationalmannschaft bei der WM 2002 ist der patriotische Taumel in unerträgliche Höhen gewachsen, der mir persönlich ein wenig den Spaß an Länderspielen nimmt. Ich habe mir die Spiele 2004 in einer Kölner Kneipe angesehen und mußte mit Erschrecken feststellen, zu welchem Hass ein Fußballspiel Zuschauer aufstacheln kann, die größtenteils aus der linksalternativen Szene stammten. Das erbärmliche 0:0 der deutschen Mannschaft gegen Lettland wurde zunächst mit Frustration zur Kenntnis genommen, nur um in der anschließenden Partie zwischen den Niederlanden und der Tschechischen Republik in völlige Verachtung umzuschlagen. Es hätte nicht viel gefehlt und nach dem Abpfiff wären Stoßtrupps zur deutsch-niederländischen Grenze gefahren um Wohnwagen abzufackeln. Seit der „schwarz-rot-geilen“ Sommermärchenparty 2006 meide ich öffentliche Übertragungen von Länderspielen mit deutscher Beteiligung völlig, weil mir der ins Nationalistische ausufernde Support der Anwesenden das Mittagessen hochkommen lassen würde. Selbstverständlich sehe ich mir die Spiele zu Hause an und kann sie dort auch als das genießen was sie sind. Normale Fußballspiele zwischen zwei Mannschaften. Aber wenigstens muß ich mir nicht ständig anhören, wie hinterhältig beispielsweise italienische Nationalmannschaften sind, die ja eh grundsätzlich nur schummeln und betrügen und überhaupt eh nur völlig scheiße sind. Daß diese Argumentationsweise vor einigen Wochen beim Freundschaftsspiel zwischen beiden Mannschaften in Dortmund wieder aufgewärmt wurde, war mehr als widerwärtig. Die Art und Weise mit der vor dem WM-Halbfinale 2006 flächendeckend gegen alles italienische Stimmung gemacht wurde, war unerträglich. Alles wunderbar nachzuvollziehen in einer Doku, die das ZDF während der Weltmeisterschaft in Köln drehte. Ein dort auftretender Pizzeria-Besitzer italienischer Herkunft sagt dort den bemerkenswerten Satz, daß er sich in all den Jahren, die er schon in Deutschland lebt, noch nie so fremd gefühlt hat, wie vor dem Halbfinalspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft. Traurig.

Vor diesem Hintergrund wird von jungen Menschen verlangt, daß sie eine für ihren weiteren beruflichen Werdegang (den nichts anderes ist das Ganze. Fußballprofi ist ein Beruf) nicht unerhebliche Entscheidung treffen. Ich für meinen Teil kann mit jeder Wahl leben, die ein junger Spieler trifft. Unerwähnt soll auch nicht bleiben, daß sich dieses Phänomen ausschließlich auf Deutschland beschränkt. Die Pfiffe gegen Mesut Özil beim „Heimspiel“ gegen die Türkei in Berlin sind Beweis genug dafür, daß auch in anderen Ländern der geistige Horizont der Anhänger auch nicht weiter reicht als bis zum eigenen Tellerrand.

Laßt sie doch einfach spielen, egal wo und egal für wen…

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