Koan Trainer? (Bundesliga 25. Spieltag)

Schadenfreude ist die schönste Freude, sagt der Volksmund, und da ist durchaus etwas Wahres dran. Ich kann meine Abneigung gegenüber dem Serienmeister aus der bayrischen Landeshauptstadt nicht verhehlen und so war die vergangene Woche für mich durchaus extrem unterhaltsam. Mal ehrlich, wann darf man schon so einen Absturz der Münchener miterleben. Was aber wiederum ein etwas zwiespältiges Gefühl hinterläßt, ist die Tatsache, daß es sich bei den Bayern nicht mehr um die klinische Duselmaschine handelt, die sich ihre Siege mit langweilender Zwangsläufigkeit zusammenstolpert. Nein, seitdem Louis van Gaal am Steuer sitzt, hat die Mannschaft endlich einen Charakter, der sie aus der Einheitssoße heraushebt. Und das nun gerade der Trainer, der in der letzten Saison noch als der große Heilsbringer galt, abgesägt werden soll, weil der Wind mit mehreren orkanstärken in sein Gesicht bläst, entbehrt nicht einer gewissen Tragik.

Erinnern wir uns zurück: wann hat es jemals in der jüngeren Vergangenheit einen FC Bayern gegeben, der berauscht hat. Der begeistert hat. Der selbst von neutralen Beobachtern und auch von erbitterten Gegnern als daß Maß aller Dinge anerkannt wurde. Das letzte Mal, als das der Fall war, dürfte 1998/99 gewesen sein, als die Münchener mit tollem Offensivfußball bis in das Champions League-Finale in Barcelona stürmten, nur um dort von einem mit überbordendem Siegeswillen angetriebenen LKW aus Manchester überfahren zu werden. Danach kam nicht mehr viel. Sicher, es gab Meistertitel am laufenden Meter, aber wirklich berauschend war das alles nicht. Eher Business as usual. Der Champions League-Sieg 2001, mein Erinnerung mag mich täuschen, wurde sich wieder mit Dusel ermauert. Die Meister 2004 (Bremen), 2007 (Stuttgart) und 2009 (Wolfsburg) spielten wesentlich schöner und ansehnlicher, als die Bayern-Mannschaften, die in den Jahren dazwischen den Titel holten. Unter Ottmar Hitzfeld und Felix Magath wurde Fußball bürokratisiert. Keine Experimente, same procedure as every year.

Insofern war die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann auch so etwas wie ein Befreiungsschlag, um den Muff, der sich über die Jahre angesammelt hatte, endlich loszuwerden. Das der kalifornische Sonnyboy auch mit einer gehörigen Portion Blendwerk arbeitete und wieder Barcelona Schicksal spielte, gut, daß gehört auch dazu. Aber trotzdem bekam die Mannschaft (nicht der gesamte Verein) ein neues Gesicht. Daß man nach dem Rauswurf Klinsmanns und dem Ende der Saison mit Louis van Gaal einen großen Namen nach München holte, der schon auf diversen Trainerstühlen Erfolge feiern durfte, sprach für eine Fortsetzung des einmal eingeschlagenen Weges. Nämlich, daß es mit Beamtenfußball eben nicht getan ist.

In seiner ersten Spielzeit lief es dann auch, mit ein paar Unebenheiten, auch hervorragend. Und da lag und liegt immer noch die Krux. Selbst in der Gala-Saison 2009/2010 war die Abwehr die Schwachstelle des Rekordmeisters. Es kann doch niemand behaupten, daß Demichelis und van Buyten ein Weltklasse-Duo waren. Aber ihre Unzulänglichkeiten wurden überdeckt durch ein furioses Offensivfeuerwerk, daß die Abwehrschwächen nach Bremer Art vertuschte. Einfach vorne mehr Tore schießen als man sich hinten einfängt.

Diesen Fehler hätte man in der Sommerpause korrigieren können, machte es aber nicht. Und damit war der Anfang vom Ende vorgezeichnet. Das die Hinrunde über Robben verletzt war (und eh ein ziemlich verletzungsanfälliger Spieler ist) mag sicher ein Grund für die unterdurchschnittlichen Leistungen sein. Das Hauptproblem ist die Defensive. Und da ist es letztendlich auch egal, wer bei den Bayern das Tor hütet.

Man kann van Gaals Linie nachvollziehen, wenn er eindimensionale Typen wie van Bommel oder Lucio aussortiert und stattdessen auch vielseitige Spieler setzt. Das er sich dadurch angreifbar macht, wenn die Ergebnisse nicht stimmen, liegt auf der Hand. Daß er seinen Starspielern Ribéry und vor allem Robben bei der Defensivarbeit Narrenfreiheit gewährt wiegt weitaus schwerer. Man darf sich durchaus mal die Frage stellen, warum ein unbestrittenes Talent wie Robben bei Chelsea und Madrid nie auf einen grünen Zweig gekommen ist.

Sollte van Gaal in absehbarer Zeit den Stuhl vor die Tür gesetzt bekommen, würde der Verein die Chance wegschmeißen weiter Schritte in die richtige Richtung zu machen. Aber Wahrscheinlich wiegt die verletzte Eitelkeit von Uli Hoeneß schwerer als eine rationale Entscheidung.

Das alles kann dem souveränen Tabellenführer natürlich völlig egal sein. Der hatte viel mehr Probleme mit einem weiteren Opfer des Bayernpräsidenten. Michael Rensing zeigte eindrucksvoll, warum man ihm eine große Zukunft bescheinigt hatte. Seine Leistung im Westfalenstadion war bei weitem stärker als das, was Manuel Neuer wenige Wochen früher gezeigt hatte. Da waren teilweise Paraden dabei, die fast schon unmöglich waren und nur sehr wenig mit Glück zu tun hatten. Jetzt kann man natürlich über die mangelnde Chancenauswertung der Borussia aus Dortmund meckern, aber Klopp hat schon recht, wenn er heraushebt, daß sich seine Mannschaft eben auch diese Fülle an Möglichkeiten kontinuierlich erarbeitet hat. Der BVB tut alles dafür, um dies zu einer wirklich herausragenden Saison zu machen.

Während oben (fast) alles entschieden zu sein scheint, wird es unten von Spieltag zu Spieltag interessanter. Stuttgart und Mönchengladbach zeigen auf einmal Lebenszeichen, Schalke will mit aller Macht noch ein Wörtchen im Abstiegskampf mitreden, St. Pauli stoplert auch der Ziellinie entgegen (was mir die Möglichkeit gibt über den momentanen Lauf der Nürnberger zu staunen), Lautern rumpelt und Frankfurt ist auf dem Weg dem FC die alte Marke für die längste Zeit ohne erzieltes Tor zu entreißen. Bremen allerdings wittert wieder, begünstigt durch haarsträubende Freiburger Abwehrfehler, wieder Morgenluft. Und trotzdem hängen zwischen Platz 10 (Schalke) und der roten Laterne (Gladbach) gerade einmal 8 Punkte. Das verspricht noch einiges an Spaß in den unteren Tabellenregionen.

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