EM-Qualifikation: Verwöhnte Blagen (Deutschland – Kasachstan 4:0)

Lassen wir das Ergebnis des Qualifikationsspiels zur EM 2012 erstmal einfach so stehen und kümmern wir uns nicht weiter drum. Gegen den 132. der FIFA/Coca Cola-Weltrangliste (die heißt wirklich so!) darf man durchaus mal mit 4:0 gewinnen, zumal noch zu Hause. Was allerdings wirklich frustrierend und widerwärtig ist, ist die mittlerweile völlig maßlose Erwartungshaltung, welche die bei der WM in Südafrika gebotenen Leistungen beim zahlenden Publikum geweckt haben.

Man muß sich das mal vor Augen halten. Da spielt eine deutsche Nationalmannschaft einen Gegner wie erwartet an die Wand, erzielt frühe und durchaus sehenswerte Tore, und was macht der verzogene Quartalsfan, der höchstwahrscheinlich mit seiner Brut zum ersten Mal ein Fußballspiel live im Stadion besichtigt? Fängt an die Mannschaft auszubuhen und niederzumachen, weil sie nicht Hackentricks im Minutentakt auf den Rasen zaubert. Diese Erwartungshaltung kennt man von einem Theaterpublikum, daß den Stoff, der aufgeführt wird, schon kennt und sich über die Regie aufregt. Bei einem Fußballspiel ist das allerdings völlig fehl am Platze.

Wenn dann der ewige Faktenhuber Bela Réthy noch von „toller Stimmung“ am Betzenberg spricht, dann fragt man sich, ob der gute Mann vielleicht eine andere Tonspur auf dem Kopfhörer hatte oder die Mikrophonierung des ZDF absichtlich leiser gedreht wurde. Auftritte der deutschen Nationalmannschaft weisen in den letzten Jahren (man könnte durchaus 2006 als Schwellenjahr erkennen) eine gehörige Diskrepanz zwischen dem, was möglich ist und dem, was erwartet wird, auf. Der Quartalsfan assoziiert Fußball mit Schönspielerei, Stimmung bedeutet während des Spiels mindestens vier Mal für eine La Ola aufzustehen und alles unter einer Tordifferenz von minimum sechs ist eh Kappes. Das dieses Spiel durchaus komplexer und schwieriger sein kann, kommt solchen Leuten in ihrem patriotischen Überschwang nicht in den Sinn.

Dabei wwar daß, um mal ein wenig auf die gezeigten Leistungen einzugehen, durchaus ansprechend und interessant. Nehmen wir zum Beispiel mal Mesut Özil. Selten hatte man den Eindruck, daß ein Transfer ins Ausland einem Spieler so gut getan hat. Özil hat sich unter Mourinho in Madrid zu einem echten Führungsspieler entwickelt, der den Takt seiner Mannschaft nach Belieben bestimmen kann. Und vor dem Hintergrund des Gejammer aus München ist es schon sehr amüsant, daß er, im Gegensatz zu seinen bayrischen Nationalmannschaftskollegen, sein Niveau nicht nur gehalten, sondern sogar noch gesteigert hat. Ich bezweifle zwar, daß der deutsche Rekordmeister für solche Argumente empfänglich sein wird, aber erwähnen wollte ich es trotzdem.

Özil also dirigierte, zusammen mit seinem Exil-Kollegen Sami Khedira, eine flüssig spielende deutsche Nationalmannschaft, die nicht zu 100% am Anschlag spielte, aber trotzdem zum genau richtigen Zeitpunkt die Nadelstiche setzte, die ausreichten, um Kasachstan in seine Schranken zu weisen. Das am Ende nicht die totale Dominanz zu sehen war, lag sicher auch an Mitläufern wie Schweinsteiger, Aogo oder Badstuber. Und da muß sich der Bundestrainer dann doch die Frage gefallen lassen, warum er von seinen Nationalspielern immer Leistung einfordert und auch nach Leistung aufstellen will, dann aber bei solch hochkarätigen Alternativen wie Sven Bender (für Schweinsteiger), Marcel Schmelzer (für Aogo) und Mats Hummels (für Badstuber) keine Wechsel vornimmt. Und auch wenn mir da die schwarz-gelbe Brille einen Streich spielen mag, geschadet häten solche Wechsel sicher nicht.

Wahrscheinlich wird das kommende Spiel gegen Australien zum Testen genutzt werden. Und wahrscheinlich wird gerade wegen dieses Testens der Pöbel noch schneller mit seinen Mißfallensbekundungen bei der Hand sein. Nichtsdestotrotz war das Spiel durchaus unterhaltsam und zeigte wieder einmal, daß sich die deutsche Nationalelf mittlerweile auf einem fast schon unheimlichen, hohen Niveau stabilisiert hat.

In der Nacht gab es dann noch ein schönes Beispiel für ein Länderspiel, bei dem das Publikum durchaus fachkundiger und enthusiatischer war. Das dieses Spiel auf dem nordamerikanischen Kontinent, genauer gesagt in New York stattfand und zwischen den USA und Argentinien ausgetragen wurde, mag überraschen. Aber die Art und Weise, wie die amerikanischen Fans ihre in der ersten Hälfte hoffnungslos unterlegenen Spieler anfeuerten, war bewundernswert. Als der Ausgleich gegen eine in der offensive traumhafte, in der Defensive allerdings äußerst wackelige argentinische Mannschaft fiel, hätten sie fast das Stadion abgerissen. Schön, daß s auch anders geht.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s