Champions League: Das Spinnennetz (FC Barcelona – Manchester United 3:1)

Es kommt häufig vor, eigentlich ist es ein immer wiederkehrendes Ereignis, daß vor einem Spiel zwischen zwei großen Mannschaften mit herrlich klingenden Namen, die Erwartungen ins Unermeßliche wachsen. Man stellt sich Traumkombinationen vor. Abwehrspieler, die sich zu fein sind, einen Ball mal trocken nach vorne zu bolzen, sondern stattdessen mit Hacke-Spitze-1-2-3 klären. Atemberaubende Paßstaffetten im Mittelfeld, an deren Ende ein kluges Zuspiel die gegnerische Abwehr durchschneidet wie das sprichwörtliche heiße Messer durch die Butter. Überragende Torwartleistungen, die den Zuschauer sprachlos zurücklassen, weil er sich nicht erklären kann, wie der Teufelskerl diesen Reflex zustande gebracht hat. Und am besten soll all dies pro Minute mindestens dreimal passieren.

Das diese Versprechen meistens nur teilweise eingehalten werden können liegt auf der Hand und vor diesem Hintergrund war das gestrige Champions League-Finale zwischen dem FC Barcelona und Manchester United ein sehr gutes, aber kein überragendes Fußballspiel. Die Namen versprachen Spannung und eine ausgeglichene Partie. Es wurde im Verlauf eine eher einseitige Angelegenheit.

Viel wird gesagt über den Stil, den die Katalanen auf dem Platz bringen. Langweilig sei er, nicht schön anzusehen, einschläfernd. Die endlosen Kurzpaßorgien würden den Spielfluß ersticken und einen Schlagabtausch, der zu einem großen Spiel nunmal dazu gehört, nicht zulassen. Doch in dem Moment, wo Kritiker wie verbitterte Bundesligafans klingen, die sich mehr oder weniger zurecht über den Bayerndusel beschweren, muß man auch anerkennen, daß es keine Mannschaft auf diesem Planeten gibt, die ihr System so dermaßen konsequent und erfolgreich durchzieht wie eben der FC Barcelona. Die Formation, die Spielanlage, das Konzept, auch mit wechselnden Akteuren, ist seit ein paar Jahren unverändert und funktioniert. Und es funktioniert nicht nur pragmatisch, sondern ist auch in der Lage immer wieder zu überraschen. Der Gegner ist (bislang) gezwungen seinen Stil anzupassen. Und wenn er bei seiner eigenen Auffassung von Fußball bleibt, dann kommt es entweder zu Blamagen oder zu zeitweise atemberaubenden Spielen, wie beispielsweise im Hinspiel des CL-Achtelfinals gegen Arsenal.

Das gestrige Finale offenbarte zu Beginn Ansätze in eine ähnliche Richtung. United trat forsch und energisch auf, machte den Eindruck eines entschlossenen Kämpfers, der sich nicht in die Ringseile drücken lassen, sondern mutig marschieren wollte. Und dann wird nach ca. einer Viertelstunde der Stecker gezogen und Barcelona übernimmt das Kommando. Auf einmal hält Blau-Rot den Ball, länger und länger, die Gegenspieler beginnen den Pässen hinterherzulaufen, anstatt sie zu unterbinden. Wie eine Spinne, die auf Beute wartet, spinnt sich das Netz der Passwege über den Rasen. Bis zu dem Moment, in dem der eine Spieler die Lücke sieht, in die er stechen kann, und sein ballführender Mitspieler genau diese Bewegung wahrnimmt und den Ball auf ihn durchsteckt. Gestern war das ironischerweise ein Konter nach einem Ballverlust von United, der Xavi den Pass auf Pedro ermöglichte (27.). Die Zwangsläufigkeit, mit der dieser Treffer fiel, mag genau das sein, was einige Beobachter am Spiel von Barcelona für langweilig halten. Die Schönheit, mit der er herausgespielt wurde, ist dennoch nicht zu leugnen.

United hätte danach eigentlich reagieren sollen, es blieb ja noch genügend Zeit. Aber das Netz schien sich so dermaßen dicht über die taktischen Winkelzüge von Sir Alex Ferguson gelegt zu haben, daß an Befreiung nicht zu denken war. Was half, waren Zufälle. Kurz vor dem Pausenpfiff bleibt ein katalanischer Abwehrspieler im Rasen hängen und rutscht aus, es entsteht für einen Bruchteil ein freier Raum. Dieser wird kompromißlos genutzt und Rooney setzt Giggs in Szene. Das dieser leicht im Abseits steht ist kein Grund für Abidal einfach mit dem Spielen aufzuhören, gibt Giggs aber genau den Moment um auf Rooney zurückzulegen, der dann eiskalt vollstreckt. Ausgleich, alles zurück auf Anfang. Möchte man meinen. Vor allem, weil der extrem angenehm die Partie leitendende ungarische Schiedsrichter Kassai gleich nach dem Treffer zum Pausentee bat.

Doch nach der Pause setzte sich die Überlegenheit von Barcelona fort. Unaufhaltsam, hypnotisch, zwangsläufig. Der erneute Führungstreffer durch Messi (54.), der sicher auch ein wenig van der Sar anzukreiden sein mag, war die vorweg genommene Entscheidung. Gewiß, es blieb noch genug Zeit für United um zurückzukommen. Aber mal ehrlich, hat da gestern noch wirklich irgendjemand dran geglaubt? Villas Tor (69.) war dann der letzte Faden im Netz. Die Beute lag auf dem Präsentierteller, der Tisch war gedeckt. Manchester konnte gegen Ende froh sein, daß sich das Ergebnis nicht zu einem Debakel ausweitete.

Es stellt sich die Frage, wie man dieser Mannschaft beikommen will? Jose Mourinho hat es in der letzten Saison mit eiserner Disziplin und knallharter Defensivtaktik geschafft. Das mag einmal funktionieren, aber sich nicht immer. Barcelona ist, wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau, in der spanischen Liga ständig mit einer solchen Aufgabe konfrontiert und löst sie mit beängstigender Regelmäßigkeit. Aber soll man mitspielen? Versuchen, das eigene Spiel zu machen? Wie so etwas aussehen könnte, hat Manchester gestern in den ersten 15 Minuten gezeigt. Man sollte dann nur den Mut haben, den eigenen Stiefel auch konsequent bis zum Ende herunterzuspielen. Nur stellt sich da wieder die Frage: zog sich United gestern freiwillig zurück? Oder zwang Barcelona ihnen das Spiel auf?

Satt sehen kann ich für meinen Teil mich an den Darbietungen Barcelonas nicht. Im Gegensatz zu den „11 Freunden“, die sich in ihrem Ticker zum gestrigen Spiel etwas mehr Abwechslung wünschen:

„Es ist das, was Messi seit Jahren in der Champions League spielt, eine Demonstration einer überlegenen fußballerischen Andersartigkeit. Aber durch die Erwartbarkeit seiner Gala-Vorstellungen gleichsam eine Außergewöhnlichkeit, die zwangsläufig in Langeweile mündet. Weil es nichts mehr Besonderes ist, wenn der Argentinier die beste Innenverteidigung der Welt ineinander verlaufen lässt wie unsaubere Tintenstriche auf einen nassen Blatt Papier. Messi ist nun so vorhersehbar wie die Auftritte Steve Urkels, er kommt, ohne zu fragen, er bleibt, hartnäckig und am Ende, auch wenn seine Auftritte die ganze Show tragen, nervt er doch. Wir würden seinem Spiel applaudieren, aber es ist so anstrengend in einem Déjà-Vu aufzustehen. Und aufzustehen und zu applaudieren. Hallo, ihr Winslows. Auf Wiedersehen, Abwechslung im Weltfußball.“ (11 Freunde Ticker)

Unverständlich, für meine Wenigkeit jedenfalls. Das Unvorhersehbare im Spiel Barcelonas bzw Messis ist meiner Meinung nach immer noch vorhanden, und das nicht zu knapp. Erwartbar ist es nicht. Im Gegenteil. Natürlich kennt man die Akteure, die Partitur ist auch bekannt. Aber wie bei einem guten Konzert einer herausragenden Live-Band, weiß man nicht, wie diese Partitur, diese Songs, an genau diesem Abend umgesetzt und präsentiert werden. Man kann jedes Lied mitsingen, weiß aber nicht, wie die Band den Song an diesem Abend spielen wird. Schnell? Langsam? Als Off-Beat? Genauso verhält es sich, wenn man Barcelona und Messi zusieht. Es ist immer noch Raum für Überraschungen, für das Unvorhersehbare.

Und auch wenn es kitschig klingen mag, die Art wie man Eric Abidal in den Mittelpunkt rückte, zeigt die Außergewöhnlichkeit dieser Mannschaft. Ein würdiger Abschluß für einen schönen Fußballabend, der sicher nicht das ganz größe Topspiel war, aber trotzdem einen Großteil der Erwartungen erfüllt hat.

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