Eine wie Jessie…

Das ganze Land scheint ja momentan, jedenfalls wenn man den übertragenden Sendern Glauben schenkt, eine stürmische Liason mit dem Damenfußball einzugehen. Mir kommen in den letzten Tagen häufiger Erinnerungen an meine Kindertage in den Sinn, als sich in einem Park in der Südstadt jeden Tag nach der Schule mehrere Pänz aus der Nachbarschaft zu Kicken trafen. Unter anderem auch Jessica.

Jessie, wie sie von unss genannt wurde, war einfach dabei. Ich habe keine Erinnerungen mehr daran, in welchem Alter ich zum ersten Mal gegen den Ball getreten, geschweige denn seit wann wir in unserer regelmäßigen Besetzung zusammen gespielt haben. Der Film setzt einfach mittendrin ein. Etwa 10-15 Kinder aus den umliegenden Straßen, trafen wir uns fast jeden Nachmittag bei Wind und Wetter zum Bolzen. Alle Altersgruppen waren vertreten, einige waren etwas älter, einige jünger, scheißegal. Filigrantechnik war nicht wirklich gefragt, es glich wohl eher einem Bambinospiel. Wie das auf Bolzplätzen so ist, entwickeln sich irgendwann Rollen, in die die einzelnen Spieler reinwachsen. Einige sind besser, die stellt man dann ins Tor. Worauf natürlich nie einer Lust hatte. Wir wollten ja alle Tore schießen. Ein paar bessere gehen beim Mannschaften wählen in den mittleren Plätzen weg. Die Könner, die wurden immer als erste genommen. Und Jessica war eine von den Könnern.

Jessica konnte am Ball alles, ließ ihre Gegner mit geschweidigen Dribblings aus der eigenen Hälfte reihenweise stehen und hatte immer ein hervorragendes Auge für den besser postierten Mitspieler. In der Verteidigung war ihr Stellungsspiel überragend, außerdem hörte jeder auf sie, wenn sie Anweisungen gab. Niemand kam auf die Idee in ihr eine minderwertige Mitspielerin zu sehen. Sie war da, sie war dabei, jeder nahm sie ernst und alle waren froh, daß sie bei uns mitmachte.

Mir kommen diese Erinnerungen wieder in den Sinn, weil man in diesen Tagen ja alle Nase lang daran erinnert wird, daß der DFB den Frauen bis 1970 verbot aktiv in Vereinen Fußball zu spielen. Das war nur ein gutes Jahrzehnt bevor wir uns im Friedenspark trafen. Natürlich waren wir Kinder, aber es stellte sich nie die Frage des Geschlechts. Vielleicht waren wir zu jung, vielleicht hatte dieses eine Jahrzehnt aber auch schon sein übrigens dafür getan, daß es für uns völlig normal war. Aber es ist schon erschreckend, in welcher Steinzeit der Sport als Ganzes noch wenige Jahre zuvor verharrte.

Ich habe keine Ahnung, was aus Jessie geworden ist. Ab irgendeinem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt zerlief die Sache im Sande. Wahrscheinlich waren auf einmal andere Dinge interessant. Wie das ja meistens so ist. Einige der alten Bande gingen zusammen auf eine Schule und hatten dadurch weiterhin Kontakt. Andere zogen weg, vielleicht sogar in eine andere Stadt. Es fanden sich andere Spielgemeinschaften auf anderen Rasenflächen. Es fiel auseinander. Jessie habe ich seitdem nie wieder gesehen. Ich habe auch keine Ahnung, ob sie je im Verein gespielt hat. Was ich aber sagen kann ist, daß sie das Talent zu mehr hatte. Wer weiß, vielleicht sogar bis in die Nationalmannschaft.

Insofern ist es herrlich zu sehen, daß der Frauenfußball mittlerweile die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. Über das Niveau mag man streiten, aber, seien wir ehrlich, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika war auch nicht alles erste Sahne.Natürlich, einige unverbsserliche Spinner wie beispielsweise den Twitteraccount von spox.com oder solche Deppen wie die Journalisten, die Nico Rosberg interviewt haben, die gibt es immer noch. Aber ich habe schon den Eindruck, daß die Einschätzung und Bewertung des Frauenfußballs wesentlich sachlicher geworden ist.

Ich jedenfalls bin froh, daß ich noch Karten für die Partie Japan-Mexiko in Leverkusen noch Karten bekommen habe.

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2 Gedanken zu „Eine wie Jessie…

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