Prachtnelken in Spiellaune (Frauenweltmeisterschaft: Japan – Mexiko 4:0)

Nachdem ich die Weltmeisterschaft vor fünf Jahren als Stadionbesucher bewußt boykottiert hatte, weil ich mir den Wahnsinn der Ticketbeschaffung nicht antun wollte, lag es doch nahe das Ganze auf etwas entspannterer Ebene nachzuholen. Da die Ticketnachfrage bei der Frauen-WM bei weitem nicht so groß sein würde, war es völlig unkompliziert sich Karten für das Spiel Japan gegen Mexiko in Leverkusen zu besorgen. Und dabei habe ich anscheinend echt einen Glücksgriff getan, so wie das Spiel dann ausging.

Die Karten gab es völlig problemlos in der Geschäftsstelle des Fußballverbands Mittelrhein, die sich praktischerweise keine 10 Minuten von meiner Arbeitsstelle entfernt befindet. Ich bin da einfach vorbeigegangen, mir wurde geöffnet, und keine 5 Minuten später hatte ich zwei Tickets, völlig ohne Personalienaufnahme und sonstiger Registrierung. Ob €44,- für eine Karte jetzt teuer oder billig sind, überlasse ich anderen.

Das Ganze sollte ein Geburtstagsgeschenk für meinen alten Herrn sein, der mich freundlicherweise begleiten würde. Die Fahrt nach Leverkusen war dann auch sehr entspannt, der Pendelbus vom Parkplatz war auch flott und ca. 45 Minuten vor Anpfiff saßen wir auf unseren ziemlich guten Plätzen auf der Hauptribüne. Um uns herum fast ausschließlich Kinder unter 15 Jahren. Das Stadion war für ein Spiel ohne deutsche Beteiligung ziemlich gut gefüllt, wahrscheinlich auch ob der Nähe zu Düsseldorf mit seiner großen japanischen Kolonie. Was sofort auffiel war, daß es ziemlich lautstarke Anfeuerungen gab. Links von uns hatten sich ein paar Japaner mit Trommeln postiert, die ihre Mannschaft lautstark unterstützten. Das führte zu etwas chaotischen Sprechchören, denn während die Gäste aus Fernost „Nadeshiko Japan“ natürlich in ihrer Landessprache nach vorne peitschten (日本、ニッポン, was sich „Nippon“ liest), stimmten die anwesenden deutschen Kinder immer mit „Japan! Japan!“ ein. Nun ja, laut war es allemal.

Nadeshiko Japan übernahm von Anstoß weg sofort die Initiative und auch wenn ich sehr gerne ihren Shootingstar Mana Iwabuchi in der Startelf gesehen hätte, so machte gerade die japanische Offensive um Turbine Potsdams Yuki Nagasato auch ohne die 18jährige jede Menge Alarm. Mexiko war jetzt sicher nicht die große Herausforderung, doch die Leistung der Japanerinnen war bis zu diesem Zeitpunkt das Beste, was bei dieser WM zu beobachten war. Ein unglaublich diszipliniertes Auftreten in der Abwehr mit sehr umsichtigen Pässen im Mittelfeld und ein sehr forsches Auftreten vor dem Tor führten zu zahlreichen Chancen und es dauerte nicht einmal eine Viertelstunde bis der Führungstreffer fiel. Kapitänin Homare Sawa köpfte nach einem Freistoß von Aya Miyama ein. Mexiko stand danach anscheinend unter Schock, denn keine zwei Minuten später stand Shinobu Ohno nach einem feinen Zuspiel von Nagasato völlig frei vor Mexikos Torhüterin Cecilia Santiago und drosch das Leder kompromisslos rechts in die Maschen.

Derweil hing die Starspielerin von „El Tri“, Maribel „Marigol“ Dominguez vorne völlig in der Luft. Es war beeindruckend zu beobachten, wie unterschiedlich die beiden Teams ihr Spiel aufzogen. Hatte Japan den Ball, verengte sich das Spielfeld auf ca. 40-45 m, und die Spielerinnen verschoben sich dementsprechend nach vorne oder hinten. Lange Bälle gab es kaum, es wurde viel ausgiebiger mit kurzen Pässen operiert. Und Japan scheute sich auch nicht abzuwarten und Bälle hinten herum durch die Abwehr zu spielen, bis sich bessere Möglichkeiten zur Spieleröffnung auftaten. Etwas, daß ich beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen Nigeria zum Beispiel sehr vermisst hatte. Azusa Iwashimizu und Saki Kumagai, die zur nächsten Saison zum 1.FFC Frankfurt wechseln wird, hielten den Laden hinten extrem dicht, hielten die Bälle aber nie zu lange, im Gegensatz zu Saskia Bartusiak, die am Vortag ein ums andere Mal eine Chance zum sicheren Abspiel verpasste.

War Mexiko hingegen im Ballbesitz zogen sich alle Mannschaftsteile extrem auseinander. Die Abwehrspielerinnen ließen sich weit zurückhängen und die Passwege wurden länger und länger. Da niemand aus der Abwehr mit aufrückte hatten die Japanerinnen in der Abwehr regelmäßig eine Überzahl und konnten mit mehreren Spielerinnen auf ihre ballführende Gegnerin gehen.

Der dritte Treffer für Japan war dann nur eine Frage der Zeit und es war wieder die Kombination MiyamaSawa, dieses Mal nach einer Ecke von links, die kurz vor der Pause zum Erfolg führte.

Die Halbzeit nutzte ich, um eine japanischen Bekannten wiederzutreffen, der ziemlich kurzentschlossen in den Flieger gehüpft war, um sich dieses Spiel anzusehen. Atsushi hatte ich via Twitter kennengelernt, als er einen Pennplatz suchte, weil er zum letzten Spieltag der Bundesliga nach Köln kommen wollte. Verrückter Typ. Sein Kostüm war ziemlich auffällig, weswegen er von diversen Leuten gebeten wurde, doch für ein Photo zu posieren. Sein Ticket hatte er von Yuki Nagasato bekommen, die er schon mehrfach in Potsdam besucht hatte. Übrigens, auch wenn sie natürlich hauptsächlich auf japanisch schreibt, aber ihr Twitteraccount (@Turbine17) ist trotzdem ziemlich lustig. Wir verabredeten uns jedenfalls mit Atsushi für nach dem Spiel, um ihn wieder mit nach Köln zu seinem Hotel zu nehmen.

Zu Beginn der zweiten Hälfte sah es kurzzeitig so aus, als ob Mexiko nun ein wenig mehr zum Spiel beitragen wollte, aber außer einem Fernschuß von Stephany Mayor, der die japanische Torhüterin Ayumi Kaihori zu einer sehenswerten Parade zwang, kam nicht mehr viel. Im Gegenteil, Nadeshiko Japan hatte das Spiel komplett im Griff und erarbeitete sich immer wieder über die Außen, vor allem über links mit Miyama und Aya Sameshima (deren Nachname bedeutet übrigens Haiinsel, ich find‘ so was ja immer lustig) zahlreiche Chancen. Ich hätte es der schwer arbeitenden Nagasato sehr gegönnt, wenn sie noch einen Treffer erzielt hätte, doch so blieb der Schlußpunkt wieder Homare Sawa vorbehalten, die eine wunderschöne Kombination über rechts abschloß. Als sie danach ausgewechselt wurde, erhielt sie zurecht großen Beifall und wurde nach dem Schlußpfiff auch zur besten Spielerin des Spiels erklärt.

Alles in allem ein, wie gesagt, sehr überzeugender Auftritt von Japan, die nun sicherlich als einer der Favoriten auf den Titel gelten müssen. Nach dem Spiel bedankten sie sich artig mit einer Ehrenrunde, sicher auch für die Unterstützung während des Spiels, aber vor allem auch für die Anteilnahme nach dem katastrophalen Erdbeben vom 11. März., mit einem Spruchband.

Für mich war’s ein sehr lohnenswerter Ausflug nach Leverkusen, der viel Spaß gemacht hat. Natürlich ist das mit einem Herrenspiel nicht zu vergleichen. Alles läuft wesentlich langsamer ab und gerade bei einigen Spielzügen würde man mit mehr Tempo einen anderen Ausgang erwarten, aber unterhaltsam war es allemal. Das Drumherum war okay, wenn auch manchmal etwas nervend, ich sage nur „La Ola“. Da merkt man schon, daß die Leute wegen des Events und nicht wegens des Spiels im Stadion waren. Andererseits war die Atmopshäre entspannt und locker. Ist ja ab und an auch mal etwas. Wer Interesse hat, sollte sich um Karten für die verbleibenden Spiele bemühen. Wie gesagt, in Köln gibt es sie beim FVM, in den Spielorten gibt es auch Vorverkaufsstellen. Die deutschen Spiel sind natürlich alle bereits ausverkauft, aber für JapanEngland in Augsburg sollte es sicher noch Tickets geben.

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