Nippon Banzai! (Frauenweltmeisterschaft: Finale Japan – USA 5:3 n.E.)

Wenn mir jemand vor drei Wochen gesagt hätte, daß ich am Abend des Endspiels kurz vor einem Herzkasper stehen würde, hätte ich diese person wahrscheinlich für verrückt erklärt. Es war der würdige Abschluß für eine denkwürdige Veranstaltung mit einem glücklichen, aber sicher nicht unverdienten Sieger.

Reißen wir den Spielverlauf kurz ab: die Amerikanerinnen hatten von Beginn an die größeren und klareren Chancen, erschienen entschlossen und zielgerichtet, versäumten es aber, den Sack frühzeitig zu zumachen. Japan hingegen kam im Gegensatz zu den anderen K.O.-Spielen gegen Deutschland und Schweden überhaupt nicht ins Spiel, wirkte fahrig und unkonzentriert. Je länger es 0:0 stand, desto wahrscheinlicher schien eine japanische Führung. Als Morgan den ersten amerikanischen Treffer erzielte, war das Spiel für mich eigentlich durch, weil Nadeshiko Japan kaum gefährlich vor dem Tor von Hope Solo aufgetaucht war. Ich hatte allerdings die extrem unterirdischen Abwehrleistungen aus den Spielen gegen Brasilien und Frankreich verdrängt. Was dem japanischen Ausgleichtreffer vorausging ist mit Flipper spielen noch vorsichtig umschrieben.

So ging es in die Verlängerung und wenn Abby Wambach da ein Tor schießt, dann ist der Ofen für den gegner eigentlich aus. Aber die USA brachten den Vorsprung gegen verbissene Japanerinnen wieder nicht über die Zeit und Homare Sawa erzwang durch ihr Tor ein Elfmeterschießen. Und da habe ich selten eine Mannschaft gesehen, die dermaßen die Nerven verloren hat. Ironischerweise passierte fast zeitgleich auf der anderen Seite des Planeten fast das gleiche, als die brasilianische Herrenmannschaft bei der Copa America gegen Paraguay nicht einen einizigen Elfmeter im Tor unterbringen konnte. Den US-Girls gelang wenigstens ein Treffer. Zwei Schüsse parierte die glänzende Ayumi Kaihori, den dritten setzte Carli Lloyd über den Querbalken. Neu-Frankfurterin Saki Kumagai setzte den Schlußpunkt unter ein denkwürdiges Spiel.

Nimmt man den ganzen Hype aus der Gleichung raus, dann hat sich der Frauenfußball mit diesem Turnier in neue Sphären katapultiert. Nicht im Bezug auf den Medienrummel und die Verbreitung, sondern eher in der Qualität des Spiels. Jetzt werden sicher wieder diverse Leute mit Schiedsrichterfehlentscheidungen und verstolperten Bällen kommen, aber die gibt es im Herrenbereich auch. Man darf nicht den Fehler machen, sich ein Damenspiel mit den Ansprüchen an eine Herrenbegegnung anzusehen. Dann wird man keinen Spaß haben. Wenn man sich aber unvoreingenommen auf das Spiel einläßt, bereitet einem das Zuschauen eine Menge Freude. Sicher, miese Spiele gibt es auch hier, aber so einen Thriller wie das Finale kann man als Fußballfreund (oder -freundin) nur gut finden.

Das Abschneiden der deutschen Damen ist wegen der im Vorfeld angefeuerten Erwartungshaltung sicher enttäuschend, nach den gezeigten Leistungen aber zwangsläufig. Und trotzdem sollte man da jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken, an guten Nachwunschspielerinnen mangelt es dem DFB nicht. Es zeigt aber auch das während des Turniers so oft zitierte engere Zusammenrücken der Konkurrenz. Kantersiege gibt es kaum noch und eine Mannschaft wie ein Hühnerhaufen ist auch nur noch sehr selten anzutreffen. Das gilt natürlich nur für die Endrunde, in den Qualifikationsphasen bleiben die Unterschiede recht groß.

Vielleicht sollte sich der Quartalsfan auch damit anfreunden, daß die Dominanz einer Nation im Herrenfußball nicht gleichbedeutend mit Erfolg im Frauenfußball ist. Brasilien ist, trotz Marta, eben nicht die große Nummer und die japanische Mannschaft trifft im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen auch mal das Tor.

Ich freue mich jedenfalls auf die kommenden Turniere, auch weil die Spielerinnen noch nicht so dermaßen abgehoben sind wie ihre Counterparts im Herrensport. Das mag sich mit zunehmender Professionalisierung ändern, aber für den Moment genieße ich das noch. Bis 2015 in Kanada!

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