Das schöne Spiel (Deutschland – Brasilien 3:2)

Nach dem ganzen Hype, der diesem Spiel vorausgegangen war, kann der DFB als Veranstalter sich eigentlich entspannt zurücklehnen und sich auf die Schulter klopfen. Alles richtig gemacht. Und das nicht immer leicht zufriedenzustellende Eventpublikum, daß sich seit 2006 bei den Spielen der Adlerelf herumzutreiben pflegt, schien ja auch ziemlich angetan zu sein. Und bei aller Meckerei, seien wir ehrlich, es bestand ja nun auch wirklich jeder Grund dazu. 

Selten hat man eine deutsche Nationalelf gesehen, die ein Spiel gegen einen Gegner vom Kaliber Brasiliens dermaßen im Griff hatte, wie gestern in Stuttgart. Es passiert nicht gerade oft, daß man einen fünfmaligen Weltmeister mal eben aus dem Stadion schießt, auch wenn diese beiden Gegentore vielleicht ein wenig unnötig waren. Hält man sich jetzt allerdings vor Augen, daß das Team, daß in Weiß antrat, auf einige Spieler verzichten musste, die normalerweise als Stammkräfte antreten, dann geht das wiederum einigermaßen in Ordnung. Löw hatte mit sieben Bayernspielern auf eine extreme Blockbildung gesetzt, die nur von den beiden Dortmundern Götze und Hummels, sowie dem Wolfsburger Träsch und dem Kölner Podolski durchsetzt wurde. Das dürfte sich in den nächsten Spielen hoffentlich nicht wiederholen, denn so schön Toni Kroos phasenweise auch den Ball durch die Gegend schob, irgendwie ist der für mich immer ein Risikofaktor im defensiven Mittelfeld. Das versuchte er auch durch eine wunderbare Vorlage an die brasilianischen Angreifer zu belegen, die dann zur ersten Chance der Südamerikaner nach einer überragenden Anfangsphase der deutschen Mannschaft führte.

Die erste Viertelstunde gehörte nämlich klar den Gastgebern. Und auch wenn das nichts Zählbares heraussprang, so war es doch ziemlich beeindruckend anzuschauen. Götze hatte kurz nach dem Anstoß die erste Chance scheiterte aber aus kurzer Distanz. Überhaupt, Mario Götze. Was will man über den eigentlich noch sagen? Wahrscheinlich wird sein Tor die meiste Aufmerksamkeit finden. Am herausragendsten war für meine Begriffe allerdings eine völlig unscheinbare Szene in der ersten Halbzeit, als er auf rechts lang geschickt wurde, den Ball in Nähe des Strafraums annahm, zur Grundlinie zog, abbrach, zur Auslinie marschierte, einen Pass auf Träsch spielte, den Ball wieder zurückbekam und  – und das ist die Szene die ich meine – mit einer einzigen Ballberührung einen derart abgeklärten Doppelpass spielte, der Träsch mit einem mal alleine auf’s Tor zumarschieren ließ. Allein diese Miniszene zeigt für mich den Beitrag auf, den Götze für eine Mannschaft leisten kann. Spieler wie Podolski und Müller sind leben von ihrer Kraft und weniger von ihrer Technik, sie arbeiten Fußball (was nicht schlecht oder schlimm ist, im Gegenteil). Götze spielt.

Erarbeitet wurde auch das zwischenzeitliche 3:1, und zwar durch den neuen Chef Bastian Schweinsteiger. Und da wurde dann auch der Unterschied zum gestrigen Gegner offensichtlich. In ihren Offensivbemühungen nahmen sich die Mannschaften nichts, auch wenn Brasilien nach vorne ein wenig phlegmatisch agierte. Aber in der Vorwärtsverteidigung war das deutsche team der klare Gewinner. Schweinsteiger hing vor dem Tor wie eine Klette an seinem Gegenspieler und hatte somit einen mindestens 80%igen Anteil an Schürrles Treffer. Das ist ein Schweinsteiger in Hochform, der ein Spiel dann sicher auch mal durch seinen Einsatz und weniger durch sein schönes Spiel in die richtige Richtung lenken kann.

Brasilien enttäuschte, wie gesagt. fast auf der ganzen Linie und kam nur durch einen Robinho-Elfmeter und in der Schlußphase durch Limahl, äh, Neymar, noch zu Anschlußtoren. Es ist faszinierend zu sehen, wie seit der WM 2006 der Status der weltbesten Mannschaft immer weiter verspielt wurde. Sicher, nach vorne ist das immer noch Extraklasse und mit einem etwas weniger guten Gegner machen die wahrscheinlich immer noch, was sie wollen. Und der Stand der Saisonvorbereitung in Italien und Spanien, wo wahrscheinlich die meisten Spieler ihre Arbeit verrichten, sollte auch nicht außer acht gelassen werden. Aber ihre Aura des Unbezwingbaren haben sie erstmal verloren. Wenn man die Interviews, gerade von jetzt-dann-doch-endgültig-alleiniger-und-nicht-mehr-Stellvertreter-Kapitän Philipp Lahm hörte, dann war da von Respekt nichts mehr zu hören. Das ist auf der einen Seite schön, wenn man soviel Selbstvertrauen hat. Man brauch allerdings nur in Richtung Nachbarkabine zu schauen, um zu sehen, wo so was enden kann.

Es ist sicher noch nicht alles Gold was glänzt, aber ein wenig zufrieden sein kann man schon.

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