10 Jahre später…

Es ist seltsam, daß ich ein Epochendatum wie den 11. September 2001 immer mit Fußball in Verbindung bringen werde. Als der Anpfiff erfolgte, waren die Türme schon eingestürzt und die Welt in Aufruhr. Und die Ablenkung, die ich mir durch eine Sportübertragung erhofft hatte, war schlicht und ergreifend nicht zu erfüllen.

Ich war an diesem Dienstag nachmittag zunächst in meinem Stammplattenladen gewesen und hatte fröhlich eingekauft. Als ich nach Hause kam, wies mein Anrufbeantworter mich darauf hin, daß irgendjemand etwas von mir wollte. Wer soll das auch schon sein, wenn man gerade studiert. Vielleicht ein Kommilitone, der die Abendgestaltung besprechen will. Man hatte ja so viel Zeit. Aber es war meine Schwester, die mich aufgeregt drängte, den Fernseher einzuschalten. Ein Flugzeug wäre in das World Trade Center gestürzt. Und als ich der Aufforderung nachkam, sah ich den zweiten Flieger in den anderen Turm krachen.

Wie wahrscheinlich jedem anderen Menschen ist mir dieser Tag ins Gedächtnis eingebrannt und ich werde noch als alter Mann haarklein erzählen können, was ich gemacht habe, wie ich reagiert habe, was ich dachte. Surreal wird das Ganze allerdings spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem ich mich abends aus dem Haus begab, um den ersten Auftritt des FC Schalke 04 in der neuen Champions League Saison zu sehen.

Wir erinnern uns: das Saisonfinale 2000/01 war eines der spannendsten, wenn nicht sogar DAS spannendste, der Bundesligageschichte. Schalke wurde zum 4-Minuten-Meister und die Erinnerung an Oliver Kahns Eckfahnenjubel bereitet wahrscheinlich heute noch einigen Menschen im Ruhrgebiet Albträume. Ich erinnere mich, wie ich an diesem Samstag zu einem Konzert ging und dort ausschließlich auf Schalke-Sympathisanten traf. Niemand gönnte den Bayern diesen Titel, es war wiedermal der berühmt-berüchtigte Dusel. Aber die Sommerpause kam, vorher durfte sich Gelsenkirchen wenigstens noch über den DFB-Pokal freuen, und mit Beginn der neuen Spielzeit freuten sich meine Schalker Freunde auf den Auftritt ihrer Lieblinge in der Champions League. Die Auslosung versprach die Möglichkeit auf ein Weiterkommen, denn Panathinaikos und Real Mallorca erschienen schlagbar. Arsenal war eine andere Hausnummer, aber man nimmt ja, was kommt.

Und dann kam da was dazwischen…

Als ich das Haus verließ war ich immer noch in Sorge um einige Freunde, die zu diesem Zeitpunkt in New York und Washington wohnten. Ich wollte mich ablenken, vergessen, für ein paar Stunden etwas anderes im Kopf haben, als ständig dieses Bild von einstürzenden Hochhäusern.

Ich weiß nicht mehr, ob ich mich schon vor 14:46 Uhr zu diesem Spiel verabredet hatte, oder erst danach. Ich kann mich auch nicht mehr an den Namen der Kneipe erinnern, in die wir gegangen sind. Wir saßen an der Bar und in dem Etablissement lag eine schwer beschreiblich Stimmung in der Luft. Natürlich nicht ausgelassen, aber auch nicht völlig bedrückt. Man freute sich auf das Spiel, war mit seinen Gedanken aber eigentlich völlig woanders.

Die Übertragung beginnt und man teilt uns mit, daß premiere aus Rücksicht vor den Opfern der Tragödie auf einen Livekommentar verzichten wird, daß Spiel wird ausschließlich die Geräusche der Stadionatmosphäre haben. Im Nachhinein schräg, damals einfach surreal. Habe ich mich darüber aufgeregt? Ich weiß es nicht mehr. Ich nahm es wahrscheinlich hin. Die Entscheidung, die Spiele anzupfeifen kommt anscheinend von ganz oben aus der UEFA.

Es gibt eine Schweigeminute, natürlich. Ich möchte mich erinnern, wie dieser Moment in der Kneipe begangen wurde, ich würde schreiben wollen, daß auch in einer Kölner Bar die Anwesenden schwiegen. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, wie es gewesen ist.

Das Spiel wird anngepfiffen und von Anfang an ist es eigentlich völlig nebensächlich. Schalke spielt schlecht und kommt überhaupt nicht in die Partie. Panathinaikos macht auch nicht wirklich mehr als notwendig. Die Fanreaktionen habe ich völlig vergessen. Gab es Gesänge? Wahrscheinlich, ich erinnere mich nicht mehr. Eine Viertelstunde vor Schluß drehen die Griechen nochmal auf und erzielen zwei Tore. Hat das irgendeine Bedeutung? Ist das irgendwie von Belang an so einem Tag? Wir tranken noch ein Bier und machten uns auf den Heimweg. Eigentlich nur ein paar Straßen weiter, in Wirklichkeit aber in eine ungewisse Zukunft.

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