Äpfel und Birnen (Bundesliga, 7. Spieltag)

Die größeren Schlagzeilen, so möchte man fast meinen, werden in der Bundesliga nicht mehr während des Spieltagen, sondern unter der Woche gemacht. Erst brannte die Villa des verletzten Bayern-Verteidigers Breno aus, dann nahm Ralf Rangnick auf Schalke wegen eines „Erschöpfungssyndroms“ freiwillig seinen Hut. Und die deutsche Sportjournaille hatte mal wieder alle Möglichkeiten sich zu blamieren.

Es ist natürlich keine angenehme Aufgabe über das Elend und das Leid anderer Menschen berichten zu müssen. Zuviele Fettnäpfchen, zuviele Stoplerfallen, zuviel Minenfeld. Und dennoch muß man leider das Gefühl haben, daß ein Großteil der schreibenden und fernsehmachenden Zunft nur auf solche Momente wartet, um alles falsch zu machen, was man falsch machen kann.

Wo fängt man bei so einem Chaos am besten an? Vielleicht erstmal mit der Rangnick-Geschichte. Die Bombe platzte am Donnerstag und, ich gebe das gerne zu, ich war genauso sprachlos wie wahrscheinlich jeder andere auch. Das wünscht man niemandem, nichtmal einem Schalker Trainer, wenn man selber Sympathien für den BVB hegt. Auch ich kann mich nur den vielen Genesungswünschen anschließen, die in Richtung Rangnick geäußert wurden. Wo es problematisch wird, ist z.B. bei der Berichterstattung von Sport1, die sich während der Sendung „Bundesliga Aktuell“ vor permanentem Schulterklopfen schon gar nicht mehr aufrecht bewegen konnten. Da waren zwei Honks aus der Redaktion im Studio, die ihr limitiertes Wissen an Küchenpsychologie zum besten gaben, aber nie verlegen waren, daß Sport1 die Meldung als ERSTE (!!!) verifiziert hatten. Widerlich. Natürlich wurde man nicht müde zu betonen, daß es sich bei einem Erschöpfungssyndrom nicht um Depressionen handelt, aber so schlägt man natürlich schön den Bogen zur Tragik um Robert Enke und vermengt, vielleicht ungewollt, Sachen, die nicht zusammen genannt werden sollten. Okay, ich kann mir durchaus vorstellen, daß es schwer ist, 90 Minuten mit nichtssagenden Vereinsnachrichten zu füllen und das einem so eine Bombe dann sehr gelegen kommt. Aber die Ausführung ist an Ekelhaftigkeit kaum zu überbieten.

Das setzte sich im Doppelpass am Sonntag dann fort, wo Sigmund Freud Waldemar Hartmann seine Theorien zum besten geben durfte. Im assistierte Jens Nowottny, der allen Ernstes die Meinung vertrat, daß es bei Fußballprofis keine Existenzängste gäbe. Das sollte er mal denjenigen sagen, die in der dritten Liga oder der Regionalliga auf den Bänken sitzen und nicht wissen, ob ihr Vertrag in der nächsten Saison verlängert wird. Oder den aufstrebenden Jugendlichen, die sich zwischen einer „normalen“ Ausbildung oder einem Profivertrag entschieden müssen, ohne daß sie wissen, ob sie je Stammspieler werden. Oder den Dauerverletzten, deren Verträge auslaufen und die sich im Camp des VdV fithalten müssen. Vielleicht auch einem Michael Rensing, der ein halbes Jahr arbeitslos war. Es war jedenfalls mehr als angenehm, daß ein intelligenter Mensch wie Robin Dutt in der Runde zu Gast war, der auf solche Widersprüche hinwies. Der vor allem aber auch vehement und emotional klar machte, was überhaupt ein Trainerjob bedeutet (getrennt von der Familie, in Arbeit ertrinkend und in der Freizeit mit Arbeitskollegen unterwegs, was wiederum die Arbeit als Gesprächsthema aufwirt, ergo, kein Abschalten, etc.). Dutt wirkte nicht, als ob er Mitleid wollte, aber um Verständnis warb er doch sehr eindringlich. Das das nichts bringt, konnte man dann an Volkes Stimme aka dem DoPaFon hören, bei dem locker 90% der Anrufer die Meinung vertraten, daß man als Fußballtrainer in der Bundesliga gefälligst nicht Fahnenflucht begehen soll.

Und wenn man meint, es kann nicht schlimmer werden, dann kommt von irgendwo dieses bayrische Urviech um die Ecke und walzt mit seiner plumpen Demagogie alles platt. Im Bezug auf Breno und die Anschuldigungen, die gegen ihn im Raum stehen, stellte sich Hartmann unmissverständlich auf die Seite seines Freundes Uli Hoeneß, der gefordert hatte, daß die Bayern als Arbeitgeber des Verdächtigen doch erstmal hätten informiert werden sollen. Dabei war er sich auch nicht zu schade, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Sinngemäß:

„Der (Breno) muß für so was in den Knast und die Kinderschänder laufen frei in der Gegend rum.“

Ich muß nicht erwähnen, daß er vom Publikum donnernden Applaus erntete. Man mag von Hartmann, aber auch insbesondere von Hoeneß halten was man will, von juristischen Fragen sollten sie die Finger lassen. Vielleicht sollte er aber auch einfach tatsächlich das tun, was er immer für sich in Anspruch nimmt, nämlich sich um seine Spieler zu kümmern (interessanter Einwurf vom SID).
Nachgereicht sei eine hervorragende Wortmeldung zum Thema von Manni Breuckmann, der sich mit Hartmanns verbalem Amoklauf auseinandersetzt.

Fußball, man glaubt es kaum, wurde tatsächlich auch gespielt. Der Meister kann doch noch gewinnen, der HSV überraschenderweise auch, Schalke siegt für Ragnick und der FC hatte zu Hause endlich auch mal ein Erfolgserlebnis. Aber das verblaßt ein wenig vor den Ereignissen der letzten Woche. Vielleicht sollten alle mal einen Gang runterschalten.

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