Gute Besserung, Babak Rafati

Ich habe vor fast genau zwei Jahren einen Eintrag über eine sehr traurige und erschütternde Angelegenheit geschrieben. Und damals war das Schreiben für mich eine Art, mit der Tragödie, die sich ereignet hatte, umzugehen. Heute ist das Spiel, daß mir und so vielen anderen Menschen so sehr am Herzen liegt, wieder sehr weit in den Hintergrund getreten. In einer Viertelstunde soll das Spitzenspiel des Spieltags in München angepfiffen werden. Die ganze Wooche hatte ich mich darauf gefreut und dem Anpfiff entgegengefiebert. Mir ist momentan nicht danach.

Als ich heute in meiner neuen Wohnung werkelte und dabei WDR2 Liga Live laufen hatte, bekam ich nur rudimentär mit, daß das Spiel in Köln nicht angepfiffen werden sollte. Der Grund erschloß sich mir zunächst nicht, weil ich den Einstieg in den Teil, der die Begründung liefern sollte, verpaßt hatte. Als sich dann herausstellte, daß der für die Partie angesetzte Schiedsrichter Babak Rafati angeblich einen Selbstmordversuch unternommen haben soll, wurde mir, wie vor zwei Jahren bei dem Freitod von Robert Enke, anders. Ganz anders.

Ich habe in meinem Freundeskreis einen sehr guten Freund auf diese Art verloren, deshalb sei es mir nachgesehen, daß ich für mich in Anspruch nehme, daß mir diese Nachrichten immer sehr nahe gehen.

Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man so etwas hört? Rafati ist Schiedsrichter. Wie oft steht man im Stadion und schimpft. Auf den unfähigen Stürmer, auf den sturen Trainer, auf die dilletantischen Abwehrspieler. Aber vor allem immer auf den Unparteiischen. Der ist grundsätzlich immer an allem Schuld. Wenn schon nicht am Unglück der eigenen Mannschaft, dann doch am Schicksal des Gegners. Der Schiedsrichter ist, machen wir uns nichts vor, der Sündenbock schlechthin. Jedenfalls für alle Fußballfans. Ich will mich da auch gar nicht von ausnehmen. Auch ich habe geschimpft. Auch auf die Leistung von Rafati. Und ich habe das auch hier kundgetan. Und ohne zu wissen, ob sein Suizidversuch irgendetwas mit seiner Schiedsrichterei zu tun hatte, bekomme ich Gewissenbisse, so etwas geschrieben zu haben.

Auch heute gilt daß, was ich schon vor zwei Jahren schrieb. Ich kenne diesen Menschen nicht. Habe ihn nie getroffen. Aber weil ich fast jedes Wochenende seinen Namen gehört habe, sein Bild im Fernsehn gesehen habe, die Diskussionen um seine Person wahrgenommen habe, formt sich natürlich auch bei mir ein Bild. Auch wenn ich mich über ihn aufgeregt habe, ich finde ihn als Schiedsrichter nicht wirklich schlecht. Er hat ab und an ein paar Bolzen drin, aber ich fand ihn nicht schlimmer als andere seiner Kollegen. Um so erschütternder war die Nachricht von dem, was sich heute in einem Kölner Hotel zugetragen hat.

Ich wünsche ihm, und ich hoffe, daß jeder, der sich auch nur ansatzweise für Fußball interessiert, daß ähnlich sieht, alles nur erdenklich Gute, gute Besserung und daß er sein Leben und das, was ihn belastet und zu diesem Schritt getrieben hat, wieder in den Griff bekommt. Kein Mensch sollte zu solchen Mitteln greifen müssen. Auch deswegen bin ich erleichtert, daß er, Stand jetzt, außer Lebensgefahr zu sein scheint.

Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, können wir alle versuchen Fußball als das zu sehen, was es letztendlich ist. Ein Spiel. Wird schwer, aber man sollte mal drüber nachdenken, wenn man daß nächste Mal wieder diejenigen verflucht, die auf dem Platz stehen.

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