Thinking man’s football – Zum Tode von Sócrates

Am Sonntag erreichte mich die Nachricht, daß der ehemalige brasilianische Nationalspieler Sócrates verstorben ist. Eine trauriger Anlaß sich  an ein großes Spiel zu erinnern.

Ich habe aufgrund meiner späten Geburt die Leistungen von Sócrates nie richtig würdigen können, kann mich aber noch sehr lebhaft an die WM 1986 in Mexiko und das Viertelfinale Brasilien gegen Frankreich erinnern. Brasilien galt, wie vor fast jedem Turnier als Favorit, aber für einen gerade auf dem Gymnasium eingeschulten deutschen Fußballanhänger entzog sich diese Ehrerbietung jeglicher Kenntnis. Brasilien waren die mit den Hackentricks und dem verschörkelten Spiel, die nie einen Blumentopf gewinnen. Dabei zählt doch nur das Ergebnis. So dachte ich damals. Und wurde verzaubert von den Darbietungen eines Careca, Müller, Edinho, Alemao, Branco oder Sócrates auf der einen und Platini, Tigana, Giresse oder Fernandez auf der anderen Seite. Das mit Zico (leider angeschlagen) der wahrscheinlich talentierteste Spieler erst im Laufe der zweiten Hälte eingewechselt wurde, spricht Bände für das hohe Niveau des Spiels.

Vier Jahre früher, 1982, soll das Brasilien unter Führung von Sócrates auf dem Höhepunkt seiner Kunst gewesen sein, die Mannschaft taucht regelmäßig in den Listen auf, in denen die besten Teams stehen, die nie etwas gewonnen haben. An eben diese WM habe ich, bis auf die deutschen Spiele kaum Erinnerungen. Und junge Dortmunder Fans werden mit dem Namen Tele Santana sicher auch nur den Spitznamen ihres Backup-Innenverteidigers verbinden.

In der Rückschau verklärt sich einiges und vielleicht würde ich diese Viertelfinal-Partie nicht so in den Himmel heben, wenn ich sie heute nochmal sehen würde, aber sie kommt mir in den Sinn, jetzt, da ich mit dem Ableben Sócrates‚ konfrontiert wurde. Sócrates selbst war schon damals irgendwie anders. Ständig erzählten die Reporter von seinem Beruf. Kinderarzt. In Deutschland gab es keine Kinderärzte auf dem Fußballplatz. Das machte ihn exotisch, der verrückte Name tat sein übriges.


(Irgendeine treue Seele hat tatsächlich das Spiel in mehreren Teilen bei Youtube hochgeladen. Vielleicht gönne ich mir das in einer ruhigen Minute mal)

Wenn ich jetzt in den Nachrufen lese, daß er nicht nur sein Medizinstudium neben seinem Beruf als Fußballer ausübte, sondern auch noch in der Demokratiebewegung Brasiliens engagiert war, dann macht ihn das in meinen Augen nur noch herausragender und größer. Und hebt ihn vor allem von seinen Nachfolgern, egal ob in Brasilien oder in Europa, ab.

Der Fußball verliert einen ganz Großen, leider viel zu früh.

(Als Abschluß noch ein Interview aus 11 Freunde)

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