„Der Schandfleck“ – Borussia Dortmund in der Champions League

Es ist amüsant (und traurig zugleich) wie sehr sich der gemeine Fußballfan hierzulande von einem Boulevard treiben läßt, der für sich wahrscheinlich in Anspruch nimmt, doch nur für das Gute und Gerechte in der großen weiten Welt des runden Leders zu kämpfen. Das in diesem Zusammenhang die Verblendung um sich greift, darf darob nicht verwundern.

Was ist passiert? Borussia Dortmund ist aus der Champions League ausgeschieden. Nach der Vorrunde. Mit nur einem Sieg und einem Untentschieden. Aber vier Niederlagen. Und 6:12 Toren. Bitte hinter jede Aussage gefühlte zwanzig Ausrufezeichen denken, um die Empörung, die um sich greift, plastisch darzustellen. Mal ehrlich, issses das wert?

Seit ein paar Jahren jammert fast der gesamte Sportjournalismus, jedenfalls der Teil, der immer nur bis zur Säbener Straße denkt und nicht weiter, über die Stellung der Bundesliga in Europa, mindestens aber in der Welt. Man war in der ominösen Fünfjahreswertung abgerutscht. Hatte einen Startplatz in den europäischen Wettbewerben verloren. Ein … na gut, Skandal war’s nicht, aber schmerzhaft schien es schon zu sein. So geriet jedes Europapokalspiel zu einem Do-Or-Die über das Wohl und Wehe deutscher Teilnehmer an europäischen Pokalen. Wer verlor schadete der Sache, dem großen Ganzen. Wer sich darüber hinaus auch noch erdreistete a) früh auszuscheiden und das b) auch noch mit mehreren Toren Unterschied, dem konnte der Zorn der Sportjournalisten sicher sein. Ist aber auch gemein, daß diese UEFA-Cup Spiele immer in Osteuropa stattfinden, da will doch niemand hin.

Umso größer war der Jubel, als endlich der zusätzliche Startplatz aus den Händen der Italiener ( DER ITALIENER!) entrungen war. Man war bzw ist wieder wer in Europa, zumindest aber in der Welt. Macht sich auch besser, jetzt wo die Nationalmannschaft nicht mehr rumpelfüßlert. Und was macht der deutsche Meister? Borussia Dortmund? Erdreistet sich einfach aus der Champions League auszuschieden. Als deutscher Meister. In der Gruppenphase. Gegen Mannschaften wie Arsenal, Olympiakos Piräus oder Olympique Marseille. Schande! Blamage! Nicht würdig! Bloßgestellt!

Jetzt mal ganz im Ernst: da haben einige den Schuß nicht gehört. Namentlich Userkommentare schreibende Kiddies in den Foren von Sport1 und spox.com (Link lohnt sich nicht, einfach x-beliebige Artikel zu den BVB-Auftritten in der Champions League suchen). Ich mag da altmodisch sein, aber was andere Vereine in der Champions- oder der Europa League produzieren ist mir völlig latte. Es ist mir scheißegal, ob Leverkusen gewinnt oder verliert. Es interessiert mich nicht, ob Schalke sich blamiert oder groß aufspielt. Das heißt, es interessiert mich schon, aber nur, weil ich als BVB-Anhänger über jede Schalker Stolperei lachen kann. Ich würde allerdings nie auf die Idee kommen, den Blauen vorzuwerfen, daß sie die Bundesliga blamiert hätten. Warum auch, der Verein interessiert mich nicht. Letztendlich, und das hat Klopp nach dem Spiel angesprochen auf Userkommentare in Foren schön zusammengefasst, spielt dort jeder Verein für sich:

„Wir ziehen uns den Schuh an, dass wir unseren Verein Borussia Dortmund nicht würdig vertreten haben. Darüber hinaus sind wir uns keiner Schuld bewusst. Wir würden noch einmal antreten, wenn wir die Möglichkeit bekommen.“ (auf SpOn)

Sagt eigentlich alles  aus. Der eigene Verein und die eigenen Anhänger, denen ist man Rechenschaft schuldig, nicht dem Rest der Republik. Steht in wunderbarem Kontrast zu dem Trailer, mit dem das damalige DSF Europapokalabende bewarb. Tenor: da sitzt jeder Deutsche (sic!) vor dem Fernseher und fiebert mit. Ekelhaft. Passt aber hervorragend zu den ganzen 2006er-ach-ist-der-neugewonnene-Fußballpatriotismus-schön-Fans, die sich für immer in ihrem schwarz-rot-goldenen Taumel eingerichtet haben und nun die Niederlage einer „deutschen“ Mannschaft als persönliche Beleidigung auffassen. Diese Bevölkerungsgruppe hat bis vor ein paar Jahren noch nie etwas von einer Fünfjahreswertung gehört, echauffiert sich nun aber derart vehement, als ob sie den Koeffizienten höchstselbst erfunden hätte. Allein für diese Klientel wünsche ich mir, daß das CL-Finale in München dieses Jahr ohne deutsche Beteiligung stattfindet.

Was bleibt über die Borussia aus Dortmund zu sagen? Sicher, man hat ’ne Bruchlandung erlitten. Richtig was auf die Fresse bekommen. War zu grün. Aber die Bundesliga blamiert? Jeez, get a life…

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2 Gedanken zu „„Der Schandfleck“ – Borussia Dortmund in der Champions League

  1. Sorry, aber da bin ich ganz anderer Meinung.
    Ich bin Bayern-Fan durch und durch und freue mich natürlich besonders, wenn der FCB international erfolgreich ist.
    Aaaaber, ich freue (und ärgere) mich auch über internationale (Miss-)Erfolge anderer deutscher Klubs. Ich hätte dem BVB ein Weiterkommen gewünscht. Ich freue mich mit Leverkusen …
    Ich saß zufälligerweise am 28.05.1997 auf der Haupttribüne des Münchner Olympiastadions und habe mich über den Erfolg des BVB gefreut.

    Schade, dass man als Vereins-Fan nicht auch mal über den Tellerrand schauen kann!

    • @Ben
      Mißverständnis. Habe nichts gegen Leute, die sich während eines Spiels für den einen oder den anderen Verein entscheiden und sich wünschen, daß dieser oder der andere gewinnt (oder bei Mißerfolg ärgern). Was mich stört, ist die Begründung „Fünfjahreswertung“.

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