Einheitsbrei – Der Fußball und die Medien

Bei Twitter wurde ich auf ein Thema aufmerksam gemacht (via @probek, hier, hier und hier), daß mir zwar so durchaus bewußt war, ich in dieser extremen Form jetzt aber erstmal nicht erwartet hätte. Und schon gar nicht aus der Ecke vom FC St. Pauli. Der Umgang zwischen Medienvertretern und Vereinen soll, wenn es nach dem Pressesprecher der Hanseaten geht, von vorne bis hinten reglementiert werden. Aber ist das überhaupt noch nötig?

Was ist passiert? Die Welt zitiert exklusiv aus einem Papier, daß der Pressesprecher des FC St. Pauli, Christian Bönig, vor seinen Kollegen im August 2011 vorgetragen hat. Darin geht es um den Umgang zwischen der Presse und den Vereinen bzw den Reportern/Journalisten und den Spielern/Trainern (in Teilen nachzulesen bei 20zwoelf.de. Das ist ein Projekt von Journalisten der Axel Springer Akademie). Da ist dann von autorisierten Interviews die Rede. Von der Anwesenheit der Pressesprecher bei Interviews mit Spielern. Von der Vermeidung von Telefoninterviews, die nicht kontrolliert werden können. Von Themensetzung, um den Journalisten die Arbeit zu erleichtern. Von der Vermeidung von Exklusivgeschichten.

Mal ehrlich, jede Presseabteilung eines größeren, mittelständischen Unternehmens arbeitet so. Sind die Vereine des deutschen Profifußballs etwas anderes? Nicht wirklich. Auch im Fußball werden Millionenbeträge bewegt. Klar, daß die handelnden Akteure abseits des Platzes ein Interesse daran haben, die Informationshoheit zu behalten.

Die Frage, die sich mir nun stellt, ist, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Interviews mit Fußballprofis, insbesondere die, die direkt nach dem Abpfiff geführt werden, sind nichtssagend. Schlicht und ergreifend nichtssagend. Das hat wahrscheinlich mit der Medienschulung zu tun, durch die anscheinend jeder Jungprofi gehen muß. Ausnahmen wie Kevin Großkreutz bestätigen die Regel. Das sind glattgebügelte Satzbausteinphrasen, bei denen man merkt, daß die Jungs darauf getrimmt sind, bei bestimmten Signalwörtern in der Frage auf einen Katalog von Antwortklötzchen zurückzugreifen. Und ganz wichtig: immer die Mannschaft und die Moral loben! Ich sage bewußt „Jungs“, weil man im Damenfußball anscheinend noch nicht so weit zu sein scheint. Da klingen Interviews wesentlich „natürlicher“.

Interviews in Printmedien sind vom Endverbraucher natürlich wesentlich schwerer nachzuvollziehen, aber auch hier dürften die meisten Profis sich kaum aus der Reserve locken lassen. Der kalkulierte Skandal eines Interviews von Philipp Lahm mit der Süddeutschen Zeitung sollte auch wieder als Ausnahme die Regel bestätigen.

Finde ich solche Ansätze wie im Papier von Bönig gut? Nein, natürlich nicht. Mir wären ungezwungene Interviews auch lieber. Und vor allem Spieler, die in der Lage sind, auch mal um die Ecke zu denken. Aber ein Angriff auf die Pressefreiheit? Interviews werden in Deutschland (im Gegensatz zum englischsprachigen Ausland) schon immer autorisiert. Das fällt in den meisten Fällen kaum auf. Manchmal echauffiert sich eine Redaktion, weil man ihr ein Interview komplett zusammengestrichen hat (nächste Ausnahme von der Regel: Lira Bajramaj und die taz), aber der aufgewirbelte Staub legt sich relativ schnell wieder. Aber ein Angriff auf die Pressefreiheit? Vielleicht sollten die Journalisten der Welt-Sportredaktion mal bei ihren Kollegen aus dem Wirtschaftsressort nachhorchen.

Nochmal, ich finde es auch scheiße, wenn ein Fußballclub die Nachrichtenlage kontrollieren will. Und ich würde mir auch wünschen, daß sich die Autorisierung von Interviews von selbst abschafft. Aber sich über den Status Quo aufzuregen, der seit mehreren Jahren und Jahrzehnten Bestand hat, wirkt irgendwie so, als ob jemand Krawall machen will, weil ihm gerade nichts besseres einfällt. Ich kann übrigens auch Herrn Gruber von spox.com beruhigen, wenn er sich folgendermaßen äußert:

„…einige Vereine (unterteilen) uns Journalisten in verschiedene Kategorien (…). Oft bekommen große Zeitungen schneller die Spieler für ein Interview, die sie wollen. Da werden Allianzen geschmiedet – das hat nichts mit Pressefreiheit zu tun.“

Das passiert nicht nur bei Fußballvereinen. Letztendlich geht es um Reichweiten. Und da sind einige Medien nunmal „wichtiger“ als andere. Und sei es nur in der Wahrnehmung des „Unternehmens“. Mit Angriffen auf die Pressefreiheit hat das nichts zu tun. Bei gewissen Vergleichen sollte man einfach mal die Kirche im Dorf lassen.

Ein Nachtrag sei erlaubt. Das ein Verein wie Pauli nach ähnlichen Mustern arbeitet wie der Rest ist klar. Das ausgerechnet der Pressesprecher solche Ideen vorstellt, ist schon ein wenig traurig. Andererseits würde ich eigentlich nur bei St. Pauli eine Reaktion der Fans auf so ein Positionspapier erwarten. Ob die wirklich kommt, kann ich allerdings auch nicht voraussagen.

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2 Gedanken zu „Einheitsbrei – Der Fußball und die Medien

  1. Stimme dir völlig zu, war auch mein Gedanke: Mein Arbeitgeber behält sich vor, Interviews mit seinen Angestellten (in Marketingfachzeitschriften) zu redigieren und zu genehmigen oder nicht. Das müssen und dürfen Fußballvereine mit ihren Angestellten genauso machen, so sehr ich es gerne anders hätte.

    Letztlich müssen sich die Sportjournalisten eben mehr am manager magazin orientieren als neidisch auf die Hofberichterstattung der Bild-Zeitung zu schielen.

    • Kenne das Ganze quasi auch aus meinem Beruf, deswegen meine leichte Überraschung über die Aufregung. Die (die Aufregung) halte ich dennoch, wie gesagt, für gerechtfertigt. Würde mich auch freuen, wenn sich da was ändern würde.

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