Wankende Weltbilder (Bundesliga, 24. Spieltag)

Interessant. Was anderes fällt einem zum  Ausgang des vergangenen Wochenendes wahrscheinlich auch nicht ein. Man ist ein wenig erstaunt ob der Darbietungen. Weil sie so rein gar nicht in das Weltbild passen, daß sich über die vergangenen Jahre eingebrannt hat.

Man kommt zwangsläufig nicht an den Bayern vorbei. der Branchenführer setzt nunmal die Themen. Und wenn er dann auch noch so untergeht wie gegen Leverkusen, dann ist die Schadenfreude natürlich doppelt so groß. In der ersten Hälfte drückend überlegen rächen sich ausgelassene Großchancen spätestens dann, wenn der von der Vereinsführung als „weltbester Torwart“ ausgerufene Schlußmann in schönster Toni-Schumacher-Gedächtnismanier am Ball vorbeisegelt und der Werkself den überlebenswichtigen Führungstreffer beschert. Ich wiederhole mich immer wieder gerne: Manuel Neuer ist auf der Linie Weltklasse, ohne jede Frage. Seine Strafraumbeherrschung ist aber mehr als ausbaufähig. Das war schon zu Schalker Zeiten so und daran hat sich auch in München nicht viel geändert.

Das wäre auch alles nicht so schlimm, wenn die Offensive der Bayern ihrer Arbeit nachgehen würde. Aber wenn man keine Tore schießt, gewinnt man natürlich auch keine Spiele. Und da kommt der Trainer ins Spiel. Denn während bei den ganzen „Konzepttrainern“ ein Spielsystem zu sehen ist, daß variabel auf unterschiedliche Situationen reagiert, scheint es bei den Bayern diese Improvisationskunst nicht zu geben. Dort verläßt man sich auf die individuelle Klasse der einzelnen Spieler. Ein Geniestreich wird’s schon rausreißen. Wenn die Genies aber Ladehemmung haben, dann ächzt das Spiel an allen Ecken und Enden. Das Gegenbeispiel war am Samstag abend zu besichtigen. Dortmund und Mainz stellten sich gegenseitig vor Aufgaben, die der jeweils andere zu lösen versuchte. Es spielten zwei Mannschaften. Bei Bayern spielen 11 Spieler. Und das kann man nicht nur an dem Gezanke zwischen Müller und Boateng festmachen.

Wenn ich eingangs von wankenden Weltbildern sprach, dann macht sich das sicher daran fest, daß es eben nicht mehr gilt, daß die Bayern irgendwie gewinnen werden. Normalerweise hätten sie Leverkusen irgendwann bestraft. Aber die Fähigkeit ist ihnen irgendwie abhanden gekommen.

Sport verändert sich und die simple Lösung, einfach nur die besten Spieler auf den Platz zu stellen und der Rest regelt sich dann von alleine, scheint seit einiger Zeit keine Gültigkeit mehr zu besitzen. Insofern sollten sie in München ihre Scoutingabteilung mal ein wenig ausbauen und vor allem in der sportlichen Führung Anpassungen vornehmen.

Wie man es (momentan) richtig macht, kann man in Dortmund sehen. Aber auch in Freiburg. Erfrischend. Und das mit einer Mannschaft, die während der Winterpause ziemlich auf links gedreht wurde. Da reicht es dann nicht nur zu einem Unentschieden gegen die Bayern, sondern sogar zu einem Sieg über den von den Medien zum Meisterschaftskandidaten ausgerufenen FC Schalke 04. Die wiederum tun alles dafür, um bloß nicht in den Verdacht zu geraten, auch nur ansatzweise etwas mit dem Ausgang des Titelrennens zu tun haben zu wollen. Und das steht ihnen auch besser zu Gesicht. Ein Draxler ist kein Götze, ein Höwedes kein Hummels und ein Uchida kein Kagawa (okay, der letzte Vergleich war gemein). Aber auch in Gelsenkirchen kranken sie an der gleichen Malaise wie weiter südlich. Es gibt herausragende Einzelspieler, aber kein wirkliches Team. Raul und Huntelaar sind sicher fantastisch, würden aber wahrscheinlich in Dortmund, Mönchengladbach, Freiburg oder Mainz nicht so zur Geltung kommen, wie sie es in Schalke tun.

Der große Unterschied zwischen Schalke und München ist allerdings, daß sie im Ruhrgebiet ihren momentanen Tabellenstand realistisch einschätzen können. Das ist in Bayern nicht der Fall. Dort jammert die Anhängerschar ob des dritten Platzes, als ob der Verein gerade vor dem Lizenzentzug stehen würde. Man halte sich das mal vor Augen: 7 Punkte Rückstand auf Platz 1 10 Spieltage vor Schluß UND man steht im Halbfinale des DFB-Pokals und hat in der Champions League noch alle Chancen. Aber die Wasserstandsmeldungen lassen auf einen Traditionsverein in der Regionalliga schließen, der händeringend Sponsoren sucht, um die Lizenz für die nächste Saison zu erlangen. Diese Jammerei dürfte der Grund sein, warum sich jeder, der sein Herz nicht für die Bayern erwärmen kann, gerade mit einem riesiegen Grinsen auf dem geesicht durch die Gegend läuft.

Auf den Nebenkriegsschauplätzen war sicherlich der Amoklauf von Paolo Guerrero am auffälligsten. Schwer zu glauben, daß das seine erste rote Karte war. Der Vorsatz, mit dem er auf das Bein von Ulreich zielte, war abstoßend und widerlich und zieht hoffentlich eine lange Sperre nach sich. Wobei die Stammtischdemagogen im Doppelpass schon fast nach Berufsverbot schrieen, und das ist dann doch ein wenig lächerlich.

Derweil rettet der abwandernde Prinz seinem EffZeh wiedermal einen Punkt und trotzdem kann man herovorragend sehen, warum er diesem Chaos den Rücken kehren möchte. Die Mannschaft hat allerhöchstens Zweitligaformat. Da spielt jeder vor sich hin und das ohne wirklich herausstechende technische Fähigkeiten. Paradebeispiel dürfte Martin Lanig sein, der in jeder Minute völlig überfordert wirkt. In der Verfassung liegt eine Relegation gegen Fortuna Düsseldorf ja doch noch im Bereich des möglichen. Würde mich freuen.

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