Der legitime Wunsch nach Normalität

Es gibt Momente, die einen sprachlos zurücklassen. Verwirrt. Vielleicht auch traurig. Von allem ein bißchen kam in mir hoch, als ich dieses Interview gestern las, in dem sich ein homosexueller Bundesligaspieler anonym äußert.

Der erste Reflex jedoch, der beim Lesen einsetzte, was sicherlich die Neugier. Es wird ständig drüber gesprochen, daß es sie doch geben muß. Rein statistisch schon. Die schwulen Spieler. Und eine Meinung hat natürlich auch jeder. Vom zum Outing ratenden Kollegen und Funktionären bis zu denjenigen, die es für besser halten, wenn alles so bleibt wie es ist. Und dann gibt es natürlich noch Cassano, aber das ist ein anderes Thema.

Ich will das Interview überhaupt nicht sezieren und mich auch nicht in Spekulationen ergehen, wer dann dieser anonyme Spieler sein könnte, die Schmutzwäsche überlasse ich gerne anderen. Ich will nur auf zwei Aussagen eingehen, die ich sehr spannend … hm, vielleicht das falsche Wort, nun, die ich mit Interesse gelesen habe.

Zum einen die Angst des Spielers vor der Öffentlichkeit, die aus einem Outing entstehen würde. Er stünde alleine und schutzlos im Rampenlicht, der Meute gefrässiger Boulvardgeier ausgeliefert.

Die Geschichten, Titelseiten und Magazine. Alle würden gerne rausfinden, was ich wohl Schlimmes mit meinem Partner unter der Bettdecke anstelle. Wer beim super-männlichen Fußballspieler wohl unten und wer oben liegt. Da gibt es vieles! Meine Leidenschaft, der Fußball, wäre irrelevant. Entweder spaziere ich mit meinem Freund zu einem Event und bin danach drei Wochen in allen Medien oder berufe mich auf meine Privatsphäre und belüge mich selbst. Es gibt einfach keine Lösung. Unmöglich, einfach wie ein heterosexueller Spieler den neuen Partner zu präsentieren und am nächsten Tag vergessen zu werden. Normalität gibt es nicht. Zumindest wäre es für mich nicht normal, eine ganze Nation mein Intimleben diskutieren zu lassen. Das hat nur mich und die Person neben mir zu interessieren.

Der letzte Satz ist der entscheidende und der wird wahrscheinlich von zu wenigen Leuten ernst genommen. Es geht weder irgendwelche Medien, noch irgendwelche Fans, noch irgendwelche unwichtigen Personen wie mich an, was anderen Menschen in ihren Schlafzimmern treiben. Punkt. Sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht. Trotzdem ist es bezeichnend, daß der Spieler mit Öffentlichkeit nicht die Kurve, sondern den Medienmob meint.

Den den kleingeistigen Proll auf den Rängen, der alles, was er schlecht oder scheiße findet, als „schwul“ bezeichnet, wird man nicht oder nur sehr, sehr schwer ändern können. Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen heute erst wieder eine Diskussionen über dieses Thema mit einem Kollegen im Büro führen zu müssen, der sich mit Argumenten wie „das sagen doch eh nur Kinder“, „ist doch eh nicht so gemeint“ oder (Meltdown) „ich mag Schwule ja auch nicht, aber der (der Profi) soll auch so leben können wie er will“. Da wird einem schon anders. Jedenfalls finde ich es interessant, daß er gerade den Mob in den Kurven ausnimmt, wenn er sagt:

Ich habe mal gehört, dass in solchen aufgeheizten Stimmungen nur noch das Kleinhirn im Menschen regiert und da ist eben Toleranz nicht eingebaut. Das muss auch ich im Stadion akzeptieren und die Fans sind einfach der unverzichtbare Motor, der auch mich jeden Spieltag antreibt.

Wenn ich ehrlich bin, hätte ich da wesentlich mehr, wie soll man sagen, Unverständnis erwartet. Andererseits, und dann wird das für mich auch wieder verständlich, gehört die Anfeuerung für ihn zu Spiel. Trotzdem, eine interessante Trennung von zwei Öffentlichkeiten. War mir vorher nie so bewußt.

Der andere Punkt, der mir irgendwie ins Auge sprang, ist die Aussage, daß seine Mannschaftskollegen anscheinend Bescheid wissen.

Ich kenne keinen Spieler in der ganzen Liga, der damit ein Problem hat. Es gibt sogar manche, die mit großem Interesse nachfragen – aber das ist wirklich die absolute Ausnahme. Natürlich sind einige Situationen wie das Duschen am Anfang für beide Seiten unangenehm. Ich habe aber kein Interesse an den Mitspielern und irgendwann ist es für alle Seiten egal. Schließlich sind die Kollegen trotz des schlechten Rufs nicht ignorant.

Das läßt mich doch aufhorchen, denn es läßt auf ein ziemlich gut funktionierendes Schweigekartell schließen. Und das will ich nicht negativ aufgefasst wissen. Ich hätte nicht erwartet, daß die Mannschaftskollegen eingeweiht sind.Denn das muß dann ja nicht nur eine Mannschaft sein, sondern mindestens noch eine, wenn der interviewte Spieler auch von anderen homosexuellen Kollegen in der Bundesliga weiß. Vielmehr hätte ich mit einer kompletten Verleugnung von Seiten des Spielers gerechnet. Weil mehr „Mitwisser“ (das klingt alles so mafiös, sorry, soll es eigentlich nicht) ja auch immer die Gefahr in sich tragen, daß irgendwann alles auffliegt. Und ich möchte wetten, daß in einigen Boulevardredaktionen ein Kopfgeld ausgesetzt ist für den, der die Story als erster mitbringt.

Es zeigt aber auch, daß solche Vollpfosten wie Cassano, wenigstens in der Bundesliga, die Minderheit darstellen und der Profi von heute wohl wesentlich intelligenter und vor allem toleranter ist, als es sonst sein Ruf ist.

Wie gesagt, sprachlos. Traurig. Auch ein wenig wütend.

Aber eben irgendwie auch hoffnungsvoll. Denn vielleicht ist dieses Interview ja ein erster kleiner Schritt hin zu der Normalität, nach der sich der Spieler sehnt. Zu wünschen wäre sie ihm und seinen Leidengenossen.

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