Die innere Sicherheit

Ich habe diesen Eintrag schon so einige Zeit vor mir hergeschoben und in den letzten Tagen und Wochen sind immer mehr Punkte zu diesem Thema zusammengekommen. Leider. Werde ich mit diesem Text zu einem ergebnis kommen? Sicherlich nicht. Ich habe einfach vor, ein paar Gedanken zur Thematik „Sicherheit im Stadion“ aufzuschreiben, ohne irgendeine Partei zu ergreifen. Kann ich auch gar nicht, da ich nicht zu sehr in der Materie drin bin.

Vielleicht erstmal zur Einordnung: ich gehe seit über 20 Jahren zu Fußballspielen. Größtenteils im Stadion um die Ecke, ab und zu auch mal fremd, sprich Bundesliga, U21-Länderspiele oder Frauenfußball. Als Die Hard-Fan würde ich mich nicht bezeichnen, dafür ist mir der unreflektierte Fanatismus dann doch zu sehr zuwider. Ich nehme für mich in Anspruch zwar eine Mannschaft anfeuern zu wollen, gestehe dem Schiedsrichter, den „eigenen“ Spielern, aber auch dem Gegner zu, daß er Fehler macht. Oder Sachen richtig. Nichts liegt mir ferner als die Schwalbe eines Spielers zu bejubeln. Kritik gehört zu Geschäft, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin also der absolute Durchschnittsquartalsvereinssympathisant. Und vielleicht ein bißchen mehr.

Pyros

Fangen wir vielleicht mal beim alles überlagernden Thema an. Pyrotechnik. Feuerwerk. Sieht unbestritten toll aus. Gehört für einige Leute zum Fußball. In die Kurve. Für mich nicht. Brauch ich nicht. Wirklich. Nebelt alles zu, nimmt die Sicht, ist in den falschen Händen ungeschickt eingesetzt sicher auch nicht gerade ugefährlich. Aber (und das aber muß sein), ich habe nichts dagegen, wenn eine Lösung gefunden wird, mit der allen Konfliktparteien leben könn(t)en. Abgetrennte Zonen, etc., die Vorschläge sind ja da. Nein, ich kann den DFB und die DFL auch nicht verstehen, wenn sie konstruktive Gespräche abbrechen. Ich kann aber ebenso die Leute in den Kurven verstehen, die dann nur noch auf Konfrontation setzen. Bin ich harmoniesüchtig? Vielleicht. Wahrscheinlich auch altmodisch. Denn auch wenn heute immer darauf hingewiesen wird, daß Pyrotechnik schon immer zum Repertoire der Kurven gehörte, wahrgenommen habe ich es in all den Jahren kaum. Weder bei Heimspielen im Südstadion, noch bei dem einen oder anderen Spiel in Mümgersdorf. Und auch nicht beim Konsumieren der Fernsehbilder an Samstag Abenden.

Wie gesagt, ich bin kein absoluter Gegner von Feuerwerk in Fußballstadien. Ich verstehe nur nicht, warum man so dermaßen darauf beharren muß. Ich verstehe aber auch nicht, wie man von Seiten des Verbandes so die Kommunikation verweigern kann.

ich-fuehl-mich-sicher.de

In dem Zusammenhang kam es ja letztens zu einer Unterschriftenaktion auf oben genannter Seite. Um es vorwegzunehmen, nein, ich habe da nicht unterschrieben. Weil ich glaube/denke/finde, daß es in einem Stadion größtmögliche Sicherheit gibt. Ich habe mich noch nie … moment, kurzer Gedankensprung. Ich war mal bei einem Oberligaspiel zwischen Fortuna Köln und Fortuna Düsseldorf. Es setzte eine ziemliche Klatsche für die Domstadt und ich beschloß dem Treiben nicht bis zum Schlußpfiff beizuwohnen. Am nächsten Tag mußte ich lesen (keine Ahnung, ob es stimmt), daß Düsseldorfer nach dem Schlußpfiff den Platz gestürmt und in dem Zuge zwei minderjährige Balljungen vermöbelt hätten. Angeblich ging das auf das Konto von Leuten aus Velbert, die nur zum Krawallmachen mitgekommen waren. Habe ich mich bis zum Verlassen des Stadions an diesem Tag unsicher gefühlt? Nein. Ich stand am einen Ende des Platzes, der gegnerische Anhang am anderen. Auch bei anderen Spielen keinerlei Befürchtungen meinerseits.

Aber (auch hier ein aber) fühle ich mich auf dem weg ins Stadion oder davon weg sicher? Das kommt ganz darauf an. Gerade in der Regionalliga kommen ja meistens nicht viele Auswärtsfahrer mit. Insofern löst sich das Problem von selbst. Allerdings war die Stimmung bei den Besuchen von beispielsweise Rot-Weiß Essen oder TuS Koblenz angespannter. Mein Heimweg führt mich auch am Ausgang der Gästeplätze vorbei, und dabei überlege ich mir schon vorher, ob ich mir ein Trikot oder einen Schal anziehe. Habe ich Bock auf Streß? Nein. Will ich den Leuten Möglichkeit geben Streß zu machen? Nein.

Die Aktionen hirnverbrannter Idioten im Umfeld des Revierderbies muß ich mir nicht geben, deswegen werde ich mir so ein Spiel sicher nicht im Stadion ansehen. Nicht, weil ich im Stadion um Leib und Leben fürchten würde. Aber weil ich einfach keinen Bock habe, an einer x-beliebigen Kreuzung auf’s Maul zu kriegen, nur weil ich die falschen Klamotten anhabe. Kann mir das im Alltag passieren? Natürlich, aber die Chance, daß es an einem Spieltag passiert ist dann doch bedeutend größer.

Ich finde die Aktion nicht schlecht, um Himmels Willen nicht falsch verstehen. Aber ich denke nicht, daß die Situation IM Stadion ein Problem ist.

„Sicheres Stadionerlebnis“

In dem Zusammenhang ist dieses unsägliche Thesenpapier der DFL auch nur noch zum Kopfschütteln. Bzw. im Lichte des Thesenpapiers macht es Sinn, etwas entgegenzustellen, wie eben so eine Aktion mit der Webseite und der Unterschriftenliste. Ein Fußballstadion ist ein Fußballstadion und kein Flughafen oder Hochsicherheitstrakt. Zu einem Fußballspiel gehen Menschen, um sich abzulenken, sich zu entspannen, um ihren Alltagssorgen zu entfliehen oder aus anderen Gründen. Die Art und Weise, wie in diesem Papier von oben herab geredet wird, zeugt meiner Meinung nach von einer völlig verzerrten Weltsicht einer geldgeilen Organisation, die die Kuh so lange melken will, wie sie noch Milch gibt. Das sie damit ihr „Produkt“ ramponiert und vor die Wand fährt, scheint dabei völlig egal zu sein. Die Argumente sind ja auch hinlänglich in Blogs, Foren oder sozialen Netzwerken aufgeführt und ausgetauscht worden. Wahrscheinlich sind sich alle einig, daß dieses Papier einer Lösung nur im Weg steht. Insofern fand ich die Aussage von Andreas Rettig auf dem Fankongress in Berlin doch recht ermutigend, als er von „verbaler Abrüstung“ sprach. Den momentan stehen sich beide Seiten bis an die Zähne bewaffnet (im übertragenen Sinne) gegenüber wie die Amis und die Sowjets im kalten Krieg.

Die Zelte

Das irgendein Club allerdings wieder nach vorne preschen würde und in vorauseilendem Gehorsam einige Punkte des Thesenpapiers umsetzt, war zu erwarten. Das es der Branchenprimus aus dem Süden ist, spielt sicher den Sozialromantikern in die Karten. Es hätten aber genausogut andere Vereine sein können. Ich erinnere nur daran, daß auch die Dortmunder Führung dem Arbeitspapier nicht abgeneigt gegenüber stand.

„So unterstützt auch Borussia Dortmund DFL und DFB. „Wir waren in der Kommission vertreten. Deshalb können wir mit dem Entwurf sehr gut leben. Aber wenn dieser Entwurf abgelehnt wird und Verbesserungsvorschläge kommen, kann das nur gut sein. Es ist ja erst einmal nur ein Entwurf“, erklärte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung beim deutschen Meister.“

(Das Watzke zu jedem Mist seinen Senf dazugeben muß, geht mir auch gegen den Strich) Nun gut, jetzt war es eben das Spiel München-Frankfurt am vergangenen Wochenende, bei dem der Sündenfall begangen wurde. Zelte vor der Gästekurve, Boykott einiger hundert Eintrachtanhänger und ein ganzer Wälzer voller Fragen, der sich gerade erst zu beantworten scheint. Nicht nur, daß anscheinend diverse Zahlen in völlig falsche Relation gesetzt wurden (ausführlicher bei Blog-G). Das größere Fragezeichen entsteht bei mir durch die Leute, die sich hinstellen und mit dem Finger auf andere zeigen, während sie laut „selber schuld“ rufen. Sag mal, geht’s noch? Ernsthaft, ihr seid die Spinner, denen – sorry, jetzt wird es etwas größer – die Freiheit der Bürger in diesem Land anscheinend komplett am Arsch vorbei geht. Nach dem Motto, geht-mich-nix-an-ich-hab-ja-kein-Messer-dabei-gehabt. Die Leute, die in die Zelte durften, hatten vielleicht auch keins?! Wann habt ihr euch im Stadion sicher fühlenden Flachzangen eigentlich das letzte Mal was von einem Messerzwischenfall im Stadion gelesen? Seid ihr so naiv zu glauben, daß Samstag für Samstag alle brav mit leeren Taschen zum Spiel fahren? Ja, es gibt Idioten, die meinen, sie müßten Klingen mit sich rumtragen. Findet man auch vor jeder Disko, bei jedem Konzert, bei größeren Veranstaltungen mit Einlaßkontrollen. Aber rechtfertigt das ernthaft – ernsthaft?! – das jeder – J e d e r ! – verdächtig ist und sich wahllos untersuchen lassen muß? Bei einem Fußballspiel?

Man mag mich auch hier weltfremd und irrational und wahrscheinlich auch naiv schimpfen, aber es gibt Grenzen. Ich mag Gängelung durch Authoritäten nicht. Grundsätzlich. Hat sicher mit meiner Sozialisation im linksautonomen Umfeld zu tun. Aber ich denke schon, daß es alle, die ein Stadion besuchen, interessieren sollte, was sich ein Sportverband da herauszunehmen versucht. Der ist nämlich keine Authorität.

Abrüstung. Verbal und auch sonst. Von allen Seiten. Anders wird’s nicht gehen.

Danke für die Aufmerksamkeit.

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