Festtag (DFB-Pokal, 1. Runde: Fortuna Köln – FSV Mainz 05 1:2)

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Vorfreude. Anders kann ich nicht beschreiben, was gestern vor dem Anpfiff in mir vorging. Unbändige Vorfreude auf ein Spiel, daß sich diese Mannschaft verdient hatte.

Das ging schon weit vor Anpfiff los, als ich durch Gebrüll auf der Straße aufgeschreckt wurde. Der Mainzer Mob zog nämlich fast direkt an meiner Haustür vorbei. Friedlich und in Polizeibegleitung. Und alles was nach dem kleinen Zwischenstopp zurückgelassen wurde, waren ein paar zertretene Dosen von Mixgetränken und ein paar Sticker an den Laternenmasten. Vorbildlich.

Der (Um)Weg zum Stadion durch den Volksgarten bot ein ähnliches Bild. Fortuna- und FSV-Anhänger friedlich nebeneinander im Biergarten. Das mag jetzt alles unglaublich harmonieduselig klingen, aber gerade wenn man letzte Woche Aachen zu Gast hatte und sich den Ausnahmezustand um das Spiel in Erinnerung ruft, kann man gar nicht oft genug betonen, daß so ein Fußballspiel auch etwas völlig harmloses sein kann. Soll. Sein muß.

Im Stadion selbst war schon eine Stunde vor Anpfiff einiges los. Die Ränge füllten sich zügig und fast lückenlos. Komplett ausverkauft dürfte es nicht gewesen sein, Überall waren noch Lücken zu entdecken, aber es war ein würdiger Rahmen für das, was da kommen sollte.

Immer wieder abstoßend und geradezu lächerlich ist dieses CI Branding des DFB. Sämtliche Werbebanden des Stadions waren mit grünen Planen abgehängt, sogar die Flasche eines Blubberbrauseherstellers auf einer Imbißbude. Das führte dann zu solch herrlichen Farbkombinationen wie schwarz-weiß-grün auf der kaputten Anzeigetafel. Falsche Farben.

Nun gut, man nimmt ja einiges hin für einen solchen Tag. Und das störte dann auch nicht wirklich den Spielverlauf. Der ging nämlich gleich gut los. Mainz zwar sehr dominant und druckvoll, Fortuna aber mit dem ersten Tor (6. Minute)! Und wer sonst, ne? Natürlich Thomas Kraus. Da schöpfte man Hoffnung. Auch, wenn das etwas früh war. Und auch wenn Mainz relativ zügig nach 14 Minuten ausgleichen konnte. Ein Flippertor. Aber ein Klassenunterschied war in den ersten 45 Minuten nicht wirklich zu erkennen. Und das tat, gerade nach der Klatsche gegen Aachen, wirklich gut.

Was auch gut tat, war das Banner, daß von den Mainzer Anhängern vor dem Anpfiff gezeigt wurde. „Zivilcourage ist keine Provokation“. Großartige Unterstützung in Sachen Antirassistische Banner. Dafür wirklich vielen Dank. Überhaupt, Ein recht froher und angenehmer Fanblock in der Gästetribüne. „Fußball muß bezahlbar sein“ als Gesang, keine Hassgesänge gegen den Gegner, alles in allem wirklich sehr vorbildlich. Gefiel mir sehr gut!

Nach dem Wiederanpfiff bot sich auf dem Platz eigentlich das gleiche Bild wie vor dem Wechsel. Mainz mit wesentlich mehr Ballbesitz, Fortuna auf Konter lauernd. Und die waren teilweise wirklich gut und gefährlich. Die größte Chance hatte Ozan Yilmaz, als er aus ziemlich abseitsverdächtiger Position recht in Richtung Tor lief. Daß er zwei Möglichkeiten hatte, hat ihn vielleicht etwas aus dem Konzept gebracht. Wobei ich das jetzt nicht kritisieren will, daß er egoistisch abzog. Der Schuß war gut. Aber in der Mitte war eben Kraus mitgelaufen. Der hätte vielleicht … egal.

Denn mit der Einwechslung von Tobias Steffen (75. Minute) kam nochmal richtig frischer Wind ins Spiel und Mainz wirkte angezählt. Auf Steffen kann man sich in dieser Saison anscheind wirklich freuen. Ballsicher, schnell, manchmal vielleicht etwas eigensinnig, aber größtensteils eine echte Augendweide und ein ständiger Unruheherd. Überall zu finden und wenn er in der 84. Minute den Ball im Netz unterbringt, steht das ganze Stadion Kopf.

Tat er aber leider nicht, und so kam Eric Maxim Choupo-Moting in der eigenen Hälfte an den Ball, marschierte Richtung Fortuna-Tor, wurde nicht angegriffen, zog ab und versenkte den Ball zur Mainzer Führung (87. Minute).Da zeigt sich dann der Unterschied. Solche Momente gibt es im normalen Ligaalltag zuhauf. Aber ein Bundesligaspieler schießt so einen Ball eben in 9 von 10 Fällen plaziert auf’s Tor und dann ist das Ding eben drin.

Ein Genickschlag, sicherlich. Aber auch in den verbleibenden fünf Minuten Spielzeit hängte sich die Fortuna ins Spiel und versuchte noch die Sensation zu schaffen…

…die es dann leider doch nicht wurde. Nach zwei Minuten Nachspielzeit war Schluß. Und was dann kam, fand ich schon beeindruckend. Die Tribüne erhob sich. So weit, so gut. Aber das gesamte Stadion spendete Beifall. Nicht kurz, nicht aus Höflichkeit. Sondern langanhaltend, tröstend, unterstützend, anerkennend, aus vollem Herzen. Gänsehautfeeling.

Das gab dann natürlich noch eine völlig verdiente Ehrenrunde und alles in allem kann man nur konstatieren, daß es ein großartiger Nachmittag mit einem zwar unglücklich Ende war, aber dennoch eine Menge Spaß gemacht hat.

Was sonst noch auffiel:

  • Bundesligaprofis sind verwöhnte Bengel. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus pfiff sicher nicht anders, als sie es sonst tut, aber wenn man die Schiedsrichter aus der Regionalliga gewohnt ist, wirkte es schon anders. Oder, ich setze anders an, in der Regionalliga fallen Spieler nicht alle Nase lang wie vom Schlag getroffen um. Diese Unart fällt am Fernseher auf, wirkt in Natura aber noch widerlicher.
  • Es ist schon beeindruckend einem Bundesligateam beim Pressing zuzusehen. Ich glaube, ich habe im Südstadion noch nie eine dermaßen hoch stehende und früh angreifende Dreierreihe gesehen wie den Mainzer Sturm. Überhaupt, es ist interessant zu erkennen, welche Unterschiede es dann noch in Ballbeherrschung und -verarbeitung gibt. Auch wenn die gestern nicht wirklich spielentscheidend waren.
  • Spiele mit größerem Rahmen ziehen auch größere Idioten an. Zum Beispiel die Deppen, die etwas hinter mir standen und Frau Steinhaus mit diversen widerlichen Beschimpfungen bedachten, die sie einem männlichen Schiedsrichter so sicherlich nicht zurufen würden. Ich tippe mal auf Effzeh-Idioten, die keine Karte mehr für Trier bekommen hatten. Scheußlich.
  • Grundsätzlich aber: sehr beeindruckender Support. Sowohl aus der Kurve, in der die Mülltonn‘ stand, als auch von Mitte, wo die Eagles ihren angestammten Platz bezogen hatten. Und selbst die Tribüne machte mit. Die Wechselgesänge waren schaurig-schön. Daß das nicht immer so sein kann, weiß ich auch, aber es war umso schöner, es erleben zu dürfen.
  • Ach ja: Tobias Fink war überragend und kochte seinen Gegenspieler auf links ein ums andere Mal ab. Großer Auftritt. Bester Spieler auf dem Platz.
  • Überhaupt stand der Abwehrverbund wesentlich sicherer als gegen Aachen. Laux war der Turm in der Schlacht, flankiert von Flottmann und Zinke. Beeindruckend.
  • Wegen der Lautsprecheranlage kann man sich auch nicht wirklich entscheiden, was? In der ersten Halbzeit kam gar nichts, in Halbzeit zwei dann irgendwann kurz vor Schluß. Hat man sich immer noch nicht mit den Nachbarn geeinigt?
  • Was mir so auch noch nie bewußt war: vor den Regionalligaspielen gibt es nicht den üblichen Handschlag zwischen beiden Mannschaften. Oder passe ich da nur nicht auf? Jedenfalls meine ich, daß ich das gestern zum ersten Mal im Südstadion gesehen habe. (Ich bin eher dafür so etwas nach dem Schlußpfiff zu machen, aber das ist eine andere Geschichte…)

Das Medienecho ist natürlich bei so einem Spiel etwas größer. Und trotzdem schafft es der Stadtanzeiger nicht einen vernünftigen Artikel zu schreiben, sondern hat weiterhin nur den Liveticker online. Peinlich. Der Express macht’s besser und hat neben dem Ticker auch noch einen normalen Artikel. Im Rheinfussball gibt’s auch den üblichen Bericht und Stimmen zum Spiel. Der kicker bleibt gewohnt sachlich. SID und dpa waren auch vor Ort. Die hochseriöse Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist sich für einen eigenen Artikel nicht zu schade und sah glückliche Mainzer. Bei goal.com fand Tuchel den Sieg „dreckig“. Das Lokalportal koeln.de sieht gewonnene Sympathien in der Südstadt. Die Hetzpresse von Springer macht’s knapp. Und die Mainzer Lokalmedien sind auch froh über den glücklichen Sieg.

Bei der Sportschau kann man sich außerdem den Bericht von gestern ansehen. Da gibt es dann auch Bilder von der Choreo vor’m Anpfiff. Und das ZDF Sportstudio kriegt es nicht auf die Reihe die Mannschaftsaufstellung richtig zu lesen. Der Mann heißt Kessel, liebe Mainzelmännchen.

Sehr schöne Bilder gibt’s noch von der Mülltonn‘. Groß!

Mannschaftsaufstellung:
Poggenborg – Sievers, Flottmann, Laux , Fink – Zinke (ab. 89. Minute Aydogmus), Hörnig – Yilmaz, Kessel (ab. 75. Minute Steffen) – Kraus, Kialka

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