Ausgerechnet (Fortuna Köln – Viktoria Köln 4:2)

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Ich muß zugeben, ich stehe immer noch ein wenig unter den Eindrücken, die sich mir gestern im Südstadion darboten und ich kann die immer noch nicht so wirklich einordnen. Aber versuchen will ich’s mal.

Derby. Matchtag. Anspannung. Kribbeln. Nervosität. Vorfreude. Was geht einem an einem solchen Tag nicht alles durch den Kopf, Magen und sonstwo quer. Das die DFL das Niedersachenderby auf den Freitag abend gelegt hatte, tat dem sicherlich keinen Abbruch. Deswegen, Ursachenbekämpfung und eine Stunde vor Anpfiff auf ins Stadion. Wo auch um diese Zeit schon einiges los war. Der Amerikaner würde sagen „the place was buzzing“. Es ware faszinierend zu sehen, wie unablässig Menschen in das Südstadion strömten und sich die Schüssel füllte. Nur irgendwie, ich weiß auch nicht, wirkte die ganze Atmosphäre unglaublich angespannt. Das Gemurmel hielt sich in Grenzen, vielleicht wurde es auch durch den viel zu lauten Sound der extra aufgestellten Lautsprecherboxen auf der Laufbahn (wofür ist die Soundanlage eigentlich renoviert worden?) unterdrückt. Jedenfalls wollte das ganze Spiel keine richtige Stimmung aufkommen. Und das trotz über 6.400 Zuschauern (was im Fortuna Forum schon angesprochen wurde eine ziemliche Untertreibung sein dürfte, wenn sowohl Tribüne als auch Stehplatz Mitte pickepackevoll waren. Könnten eher über 8.000 gewesen sein) und trotz eines wegen des großen Andrangs um 15 Minuten verschobenen Anpfiffs.

Das Spiel trug allerdings zunächst auch nicht wirklich dazu bei, diese Stimmung zu erzeugen. Abtasten, Vorsicht walten lassen. Es war, als spielten beide Teams mit angezogener Handbremse. Das kann man jetzt „Neutralisieren auf hohem Niveau“ – schließlich spielten hier Zweiter gegen Dritter um die Tabellenführung – nennen, hohes Niveau war allerdings anfangs nur mit der Lupe zu entdecken. Fortuna kam besser ins Spiel, Viktoria machte die Tore. Aus den Fehlern der Gastgeber. Und die, also die Gastgeber, wurden dadurch immer verunsicherter und lieferten eine ihrer schlechtesten Saisonleistungen ab. Grausam und völlig unansehnlich. Ich war nach dem 0:2 (16. Minute David Müller und 29. Minute Fatih Candan) dermaßen bedient und sauer, daß ich wirklich überlegte habe, daß Stadion vorzeitig zu verlassen. Aber dann kam Aydogmus – wer auch sonst? – und schenkte mir wieder Hoffnung (40. Minute).

Ein 1:2 Pausenrückstand ist ja kein Weltuntergang. Dachte sich sicher auch die Fortuna und spielte dementsprechend die Viktoria in den ersten Minuten nach dem Seitenwechsel an die Wand. Vor allem der für den verletzt ausgeschiedenen Oliver Laux eingewechselte Tobias Steffen machte einigen Alarm und war im Angriff überall zu finden. Und der durfte dann auch den Ausgleich erzielen. Nach dem Aydogmus in seiner unnachahmlichen Art einen Ball, der eigentlich schon völlig verloren schien, am gegnerischen Strafraum zurückerobert hatte. Ein im wahrsten Sinne des Wortes erkämpftes Tor (59. Minute).

Viktoria wankte jetzt wie ein angeschlagener Boxer und die Fortuna spielte, als habe sie endlich Blut geleckt. Im Grunde genommen spielte sie so, wie schon die gesamte Saison. Hinten extrem wackelig und unsicher und nach vorne furios und unaufhaltsam (aber manchmal auch ein wenig ungenau). Dises Risiko wurde dann auch durch den Führungstreffer belohnt. Eine seltsame Situation, die sich in Echtzeit fast wie in Zeitlupe abspielte. Eine Ecke von Steffen, die eigentlich viel zu hoch angesetzt war. Der Ball war lange unterwegs und plumpste dann Daniel Flottmann auf den Schädel. Der war nicht einmal hochgesprungen, um an den Ball zu kommen. Und in einem Gefühl, als würde jemand die Uhr anhalten, trudelte der Ball in einer Bogenlampenform unhaltbar über Viktoria-Schlußmann Raphael Kozcor ins Netz (77. Minute).

Wenig später war der Deckel dann drauf. Ein herrlicher Konter, der – von wem auch sonst – Ercan Aydogmus eiskalt abgeschlossen wurde. Steffen drang von rechts in den Strafraum und legte maßgeschneidert auf. Und Aydogmus, der eigentlich immer so aussieht, als würde er solche Luftlöcher wie in der ersten Halbzeit schießen, nimmt Maß. Ruhig und unaufgeregt. Und trifft (82. Minute). Und Jubel Und aus!

Viktoria hatte noch Chancen Ergebniskorrektur zu beschreiben, aber wenn man ehrlich ist, waren das auch nur höfliche Bemühungen. Im Endeffekt muß man konstatieren, daß eine Mannschaft, die mal eben vier Tore schießt, um einen 0:2-Rückstand zu drehen, völlig verdient als Sieger vom Platz geht. Und trotzdem bleibt ein komisches Gefühl, daß sich nicht wirklich einordnen läßt.

Das hängt sicherlich mit der schwer zu beschreibenden Stimmung im Stadion zusammen. Sicher, die Fanblöcke waren aktiv, es gab wieder Wechselgesänge zwischen Tribüne und Stehplatz Mitte, und auch aus der Gästekurve war Support zu vernehmen. Und trotzdem war es im Stadion phasenweise totenstill. Als würden alle darauf warten, daß irgendetwas passiert, was diese Anspannung zerreisst. Denn es war keine gelangweilte, „mir-doch-egal“ Stille, sondern eine nervöse, bedrückende, schwere Stille. Die sich bei den Toren in einem großen Aufschrei entlud. Nur um wieder zurückzukehren. Teilweise waren sämtliche Anweisungen der Trainer laut und klar zu verstehen. Das war in der letzten Saison anders.

Was bleibt sonst:

  • „Ausgerechnet“. (sorry, der mußte sein)
  • Eine völlig friedliche Stimmung. Neben mir standen während der ersten Halbzeit zwei Herren, einer mit Viktoriaschal, die völlig unbehelligt die Führungstreffer ihrer Mannschaft bejubeln durften. So soll es sein.
  • Natürlich darf man die Böller, die nach diesen Toren im Viktoriablock gezündet wurden, nicht verschweigen, aber das halte ich im Vergleich zu dem, was am Vortrag in Hannover zu sehen war, für völlig harmlos. Nur der Böller am Schluß des Spiels in der Südkurve mußte nicht sein.
  • Da doch eher so was wie auf Stehplatz Mitte, wo mit Konfetti die Tore gefeiert wurden.
  • Überhaupt, sehr aufmerksam und geschichtsbewußt auf Stehplatz Mitte am Zaun eine israelische Flagge anzubringen. Daumen hoch!
  • Kusi Kwame hatte sicherlich seine mit Abstand beste Saisonleistung. Wie der Silvio Pagano kalt gestellt hat, alle Achtung.
  • Lukas Nottbeck ist eine alte Meckertante.
  • Daniel Flottmann wird irgendwann wegen seines Mundwerks vom Platz gestellt. Remember where you read it first.
  • Petrus ist Fußballfan. Nach den sintflutartigen regenfällen der letzten Woche war das Wetter zum Spiel ein Traum.
  • Der Stadionsprecher darf sich bitte wieder zurückhalten. Diese Marktschreierei ist unerträglich und wird nicht wirklich goutiert.
  • Die Musikauswahl bedarf einer dringenden Überholung und ist sicher einen eigenen Blogpost wert. Nur soviel: niemand braucht „You’ll never walk alone“, wenn man „In unser’m Veedel“ hat. Als das, passenderweise zum Einmarsch der Mannschaften, lief, sangen mehrere Leute spontan mit. Gänsehautatmosphäre. Und auf welchen Verein paßt dieses Lied besser als auf die Fortuna?
  • IMG_0614Irgendwer wollte auf der Schäl Sick wohl lustig sein und hat vor dem Spiel „Derbysieger“ Sticker mit Viktoria-Wappen ums Südstadion herum geklebt. Klassisches Eigentor. Eigentlich sollte man die Dinger auf weig kleben lassen. Ich glaube, ich werde zukünftig bei jedem Weg zum Stadion häufig schmunzeln müssen.
  • w474xzf6Dazu paßt dann auch das wirklich beschämende Gejammer von Pele Wollitz nach dem Spiel, er und seine Spieler seien fortwährend beleidigt worden. Da soll er doch bitte Ross und Reiter nennen oder mit Albert Streit eine Selbsthilfegruppe gründen. Aufzuhängen scheint sich das alles an einem Bild aus der Viktoriakabine, welches vor dem Spiel irgendwo veröffentlicht wurde (entnommen dem Fortuna-Forum).

Widmen wir uns der Presseschau und stellen fest, daß der Stadtanzeiger fast 24 Stunden nach Anpfiff immer noch keinen Artikel, sondern „nur“ den Liveticker auf der Seite hochgeladen hat. Das ist mehr als erbärmlich für eine Lokalzeitung. Wenigsten den sehr hölzernen FuPa.net Bericht hätte man verlinken können. Der Express hingegen kommt seiner Chronistenpflicht umfassend nach und vermerkt ein Beben in der Südstadt, auch mit sehr schönen Bilderstrecken hier und hier. Noch mehr Bilder gibt’s beim Reviersport. Beim Rheinfussball ist man gewohnt ausführlich. Der WDR war auch mit einem Kamerateam vor Ort und ab ca. 6 Minuten kann man hier den Spielbericht mit bewegten Bildern bewundern. Und hier gibt es noch einige sehr schöne Bilder zu betrachten.

Mannschaftsaufstellung:
Poggenborg – Flottmann , Sievers , Kwame , Zinke (ab 74. Minute Pazurek) – Hörnig , Andersen , Kessel , Laux (ab 37. Minute Steffen) , Kraus (ab 76. Minute Kialka) – Aydogmus

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