Auswärtsspiel: Samurais im Nebel (Japan – Niederlande 2:2)

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Man kann Länderspielpausen auch sinnvoll nutzen. Nämlich, indem man sich ein Länderspiel im benachbarten Ausland ansieht.

Eigentlich hätten die Niederlande und Japan ihr Spiel in Düsseldorf austragen sollen. So war’s gedacht, so wäre es perfekt gewesen. Wir rufen uns kurz ins Gedächtnis, daß in Düsseldorf die größte japanische Community in Europa lebt und die Niederlande direkt um die Ecke liegen. Aber der DFB spielt eben lieber Spielverderber. Nun gut, nach Genk kommt man ja auch nicht so oft.

Der Zuschauerzuspruch war durchwachsen. Ein halbvolles Stadion war kein wirklich passender Rahmen. Aber Stimmung war trotzdem in der Bude. Jedenfalls, wenn man japanische Maßstäbe anlegt. Da wird eben nicht gesungen, sondern eher skandiert. Und manchmal schaut man auch einfach gebannt schweigend dem Treiben auf dem Platz zu. Aber es ist friedlich und gesittet. Und höflich. Also angenehm. Und unkompliziert.  Genauso wie die Einlaßkontrollen. Die nämlich quasi nicht existent waren. Ticket ins Lesegerät, einmal durch’s Drehkreuz. Und das war’s.

Genk hat ein hübsches Stadion, daß am Arsch der Welt, vulgo ziemlich verlassen am Stadtrand liegt. Aber atmosphärisch ist es. Und im vollen Zustand isses sicherlich ein Schmuckstück. Das Spiel trug einiges dazu bei, daß der Laden mit Leben gefüllt wurde.

Vor dem Spiel hatten mehrere japanische Supporter diverse Spruchbänder mit Fragen an Coach Zaccheroni aufgehangen. „Zacc“, wie er in Fernost genannt wird, muß sich einige Vorwürfe gefallen lassen. Zum Beispiel den, daß er viel zu sehr auf Legionäre aus Europa setzt, anstatt den Spielern aus der J-League eine Chance zu geben. Die Erwartungshaltung ist genauso groß wie der Frust nach den zuletzt eher miserablen Ergebnissen. Man stelle sich vor, der Fanclub Nationalmannschaft würde bei einem Spiel die Personalpolitik von Jogi Löw… yup, genau.

Die Startaufstellung war dann auch eher durchwachsen. Statt Stammtorhüter Kawashima stand Nishikawa vom amtierdenden Meister Sanfrecce Hiroshima zwischen den Pfosten. Die Innenverteidigung bildeten Yoshida (FC Southampton) und Konno (Gamba Osaka), Links begann Nagatomo (Inter Mailand), rechts Uchida (Schalke 04). Im Mittelfeld fingen defensiv Hasebe (1.FC Nürnberg) und Yamaguchi (Cerezo Osaka), offensiv Kiyotake (1.FC Nürnberg), Honda (ZSKA Moskau) und Okazaki (Mainz 05) an. Und ganz vorne durfte Sturmhoffnung Osako (Kashima Antlers) ran.

Das liest sich erstmal nicht schlecht und trat anfangs auch recht hübsch anzusehen auf. Allerdings, wie das bei der japanischen Nationalmannschaft häufig vorkommt, bricht man sich lieber in der Defensive selber das Genick. Erst ein kapitaler Bock von Uchida (0:1 durch van der Vaart) und dann Geleitschutz (0:2 durch Robben) und schon sah das alles ziemlich erbärmlich aus. Allerdings hat diese Mannschaft Kampfgeist und die Balleroberung von Hasebe vor dem Anschlußtreffer durch Osako zeigt, wozu sie im Stande sein kann, wenn sie denn wirklich mal will.

Und wozu sie im Stande ist, wenn die richtigen Spieler auf dem Platz stehen, zeigte sie im zweiten Abschnitt. Das soll beim besten Willen nicht heißen, daß Hasebe und Kiyotake kein internationales Niveau haben. Aber die für die beiden eingewechselten Endo (Gamba Osaka) und Kagawa (Manchester Utd) hoben Samurai Blue auf ein völlig anderes Level. Oranje sah kaum einen Stich und das Kurzpassuhrwerk in Blau lief zu Hochform auf. Angriff auf Angriff rollte auf das niederländische Tor und nur Unvermögen (selten) und Pech (oft) bewahrten die Elftal vor dem Ausgleich.

Aber man kann sein Glück eben nicht auf ewig herausfordern und das 2:2 durch Honda war eine wahre Augenweide. Nur direkte Pässe und ein zielstrebiger Abschluß. Perfekt. Wenn Japan gegen jeden Gegner so ins Rollen kommt (kommen darf), dann ist das für jeden Gegner ein ziemlich schwerer Brocken. Kakitani, der eingewechselt worden war, und Kagawa, der wieder einmal zeigte, daß er zentral wesentlich besser aufgehoben ist als auf den Flügeln, hätten sogar kurz vor Schluß noch das Spiel drehen können. Und es wäre nicht einmal unverdient gewesen. Überhaupt, der Cerezo Connection mit Yamaguchi, Kakitani und Kagawa zuzusehen war eine einzige Freude. Dieses Team hat Herz und der Fallstrick ist der ewige Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Wenn man bedenkt, daß in diesem Spiel Leute wie Saito (Yokohama F-Marinos) überhaupt nicht auf dem Platz standen, dann, würde der Engländer sagen, the sky is the limit. So bleibt Ungewissheit, was nächstes Jahr in Brasilien drin ist. Wahrscheinlich das gleiche wie immer. Eine überstandene Vorrunde und ein sang- und klangloses Aus in der KO-Runde. Aber vielleicht auch nicht. Man wird sehen.

Ein wirklich angenehmer Ausflug ins kalte und neblige Belgien, der wieder einmal bewiesen hat, daß Sportveranstaltungen mit japanischer Beteiligung einfach wunderbar sind. Ich meine, wo kann man schon einfach seine Sachen an den Sitzplätzen lassen in der Gewissheit, daß sie wirklich niemand anrühren wird? Und die Disziplin beim Anstehen an der Toilette degradiert europäische Stadionbesucher zu einer Horde Primaten. Es ist einfach entspannt und unstressig. Kennt man vom hiesigen Fußball ja gar nicht mehr.

So machen Länderspielpausen Spaß.

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2 Gedanken zu „Auswärtsspiel: Samurais im Nebel (Japan – Niederlande 2:2)

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