Herzensangelegenheiten (I): Wie Vegalta Sendai zu mir kam

Man weiß ja nie woher die Zuneigung zu einem Fußballverein stammt. Wie sie zustande kommt. Was sie wirklich ausmacht. Ich versuche mich trotzdem mal daran sie in Worte zu fassen. Und es geht nicht um die Fortuna.

Ich kam auf die Idee mit diesem Eintrag, als ich einen Brief an Jay-Jay schrieb, in dem ich meine Leidenschaft für die Fortuna darlegte und ihn davon zu überzeugen versuchte, die Fortuna doch auch zu seinem Verein zu machen. Wer nicht weiß, wovon ich spreche, liest sich am besten erstmal das hier durch. Nun ja, jedenfalls schloß ich den Brief damit, daß es ja völlig egal sei, ob er nun einen oder mehrere Vereine in sein Herz schließen würde. Denn genauso ist das bei mir ja auch. So und nicht anders. Es gibt viel zu viele interessante Clubs auf der ganzen Welt, als daß man sich nur für einen entscheiden sollte. Finde ich. Rein subjektiv. Dies ist die Geschichte, wie ich zu Vegalta Sendai kam. Oder Vegalta zu mir. Und sie liegt gar nicht so lange zurück.

Sendai ist eine Hafenstadt im Nordosten Japans und den meisten sicher seit dem schweren Erdbeben und dem darauffolgenden Tsunami ein Begriff. Die Bilder des überfluteten Flughafens gingen um die Welt. Aber Sendai ist auch die Heimat eines Vereins, der sicher eine der verrücktesten Fankulturen der J-League sein eigen nennt.

Vegalta ist, wie andere Clubs der J-League auch, aus einer Firmenmannschaft hervorgegangen. In diesem Fall war das ein Energieunternehmen aus der Region Tohoku. Littbarksi hat hier auf seine letzten Meter mal gespielt (und, ich glaube, auch seine Frau kennengelernt), da hieß der Verein noch Brummel Sendai. Seit 1999 firmiert er unter dem Namen Vegalta, wie im japanischen Fußball üblich ein Kunstwort aus den Sternennamen Vega und Altair, eine Referenz an das Tanabata-Fest, daß in Sendai sehr berühmt ist. (Ich schreibe hier Wikipedia-Fetzen ab, weil mir kein besserer Einstieg einfällt. Man möge mir verzeihen…)

Wenn man das so hört, klingt das extrem nach Hopp und Red Bull, aber letztendlich sind solche Vereinshistorien in Japan völlig normal und kratzen die Anhänger auch Null. Warum sollten sie auch etwas dagegen haben? Schließlich haben sie wenigstens einen Profiverein. Nicht viele Regionen können das von sich behaupten.

Vegalta ist eine klassiche Fahrstuhlmannschaft. Mit Gründung der J2 kickte man dort ab 1999 unspektakulär mit, stieg 2001 auf, stieg 2003 wieder ab, blieb für ein paar Jahre in der J2 und stieg 2009 wieder auf. Nur um mal darzustellen, wie das in Japan aussieht, hier ein wenig Bildmaterial.

2010 beendete man die Saison auf Platz 14. Und dann kam der 3.11.2011. Nach diesen Ereignissen habe ich begonnen mich verstärkt für die Tohoku-Region zu interessieren. Leider habe ich es bis jetzt noch nicht dorthin geschafft, aber die Videos der Fans von Vegalta, die ich auf Youtube gefunden habe, ließen den Wunsch, sich wenigstens einmal ein Spiel in Sendai anzusehen, immer größer werden.

Die Supporter von Vegalta haben einen nicht zu leugnenden Punkrock-Einschlag. Und damit hat man bei mir schon mal einen Riesenstein im Brett und daher speist sich wahrscheinlich auch meine Begeisterung. Das Repertoire an Liedern bedient sich sehr stark aus dem Fundus japanischer Punkbands und die Flagge mit der Aufschrift „Get The Glory“ in diesem Video war wahrscheinlich das, was mich in seinen Bann gezogen hat.

Laughin‘ Nose, Cobra, The Blue Hearts, Stance Punks, das volle Programm. Und die Version von Twisted Sister sucht meines Erachtens weltweit ihresgleichen. Die deutschen Varianten sind da nur ein billiger Abklatsch. Das ganze spiegelt sich dann auch im Verhalten in der Kurve wieder, wie hier sehr schön zu sehen ist.

Sehr sympathisch. Das sind die Bilder und Eindrücke, die bei mir sofort „klick“ machen. Da würde ich mich zu Hause fühlen. Aufgehoben. Verbunden. Unter Gleichgesinnten.

Die Art und Weise wie der Verein und seine Anhänger nach der Katastrophe reagiert haben und die unglaubliche Geschichte dieser Saison versucht zur Zeit ein britischen Projekt in einem Dokumentarfilm einzufangen (von dem bsi jetzt leider nur dieser Gänsehaut verursachende Trailer zu sehen ist). Sendai, die graue Maus der J-League, spielte auf einmal um die Meisterschaft mit und gab der gesamten vom Tsunami betroffenen Region Kraft und Hoffnung. Und auch wenn es nicht gereicht hat, wird diese Spielzeit immer in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel durch die Anteilnahme der Anhänger von Kawasaki Frontale, die beim ersten Spiel nach dem 3.11., als die J-League ihren Spielbetrieb wieder aufnahm, die Twisted Version von Sendai sangen.

Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, daß die Fans von Vegalta auf solche Ideen kommen wie nach dem Spiel gegen Kashiwa Reysol, die als einziges Team die Gruppenphase der Asian Champions League überstanden hatten, Glück zu wünschen und sie zu bitten, auch in ihrem Namen die J-League zu repräsentieren. Sehr japanisch, sicher, aber auch vorbildlich und sportlich. Das trägt auch dazu bei, daß die Supporter von Vegalta in Japan einen recht guten Ruf genießen.

Vielleicht sind das alles verklärte Eindrücke aus der Ferne und in Wirklichkeit ist die Kurve von Sendai langweilig und eintönig. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Und bis ich mir nicht selber das gegenteil bewiesen habe, werde ich davon träumen, irgendwann mal ein Spiel im Yurtec Stadion zu sehen. Und mit den Leuten da zu singen, zu hüpfen, zu feiern.

Ob es etwas zu feiern geben wird, sei einmal dahingestellt. Das Team ist durchschnittlich und hat zu allem Überfluß nach dieser Spielzeit seinen Trainer Makoto Teguramori verloren, der in Zukunft die japanische U21 Nationalmannschaft betreuen wird. Stars sind rar. Es gibt den üblichen Brasilianer im Sturm (in diesem Fall ein Herr namens Wilson), der technisch versierteste Spieler ist wahrscheinlich der nordkoreanische Nationalspieler Ryang Jong-gi, aber der ist auch schon 31. Stürmer Shingo Akamine ist auch schon jenseits der 30, es fehlt also etwas an frischem Blut in der Mannschaft. Aber dafür schlägt sie sich nicht schlecht.

Und für die Erfolge sorgt dann eben das Frauenteam, daß 2012 aufgestiegen ist und in diesem Jahr einen höchst respektablen 5. Platz belegt hat. Mit Nationalspielerin und Weltmeisterin 2011 Aya Sameshima übrigens.

Spielzusammenfassungen finden sich praktischerweise im eigenen Youtube Channel.

Ready, go! Let’s go, Sendai! \(^_^)/

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