Herz (Fortuna Köln – Bayer Leverkusen U23 3:2)

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Im Anschluß an den Schlußpfiff fällt es manchmal ein wenig schwer, das Gesehene vernünftig einzuordnen.

Zäumen wir das Pferd mal von hinten auf und versuchen uns an der Behauptung, daß diese Mannschaft in der dritten Liga eigentlich nichts zu suchen hat. Die Abwehrfehler waren wieder einmal viel zu eklatant, um darüber hinwegsehen zu können. Da dürfen Außenverteidiger des Gegners Slalom fahren, ohne daß auch nur eine Stange ein wirkliches Hindernis darstellen würde. Die Innenverteidigung ist bisweilen ähnlich hüfsteif und leistet in den meisten Fällen eines schnellen Konters hilfsbereit Geleitschutz. Mit so einem Spielermaterial hat man, wenn man ehrlich ist, eine Liga weiter oben keine Chance.

Eigentlich auch eine Liga drunter nicht, aber – und das ist das ganz große „aber“ – diese Mannschaft hat etwas, was sie von vielen anderen Teams unterscheidet. Was sie besonders vom Rivalen von der Schäl Sick unterscheidet (sorry, die Spitze muß erlaubt sein).

Sie hat sicherlich Ercan Aydogmus, der auch in diesem Spiel wieder den Unterschied machte. Beim Verlassen des Stadions, daß übrigens der bei diesen Witterungsverhältnissen und diesem Gegner verständlichen Minuskulisse von unter 800 Zuschauern Platz bot, konnte man dutzendfach Unterhaltungen hören, die mit „Häste jesinn watt dä Aydogmus widder ens jemaat hätt? Unjlaublisch!“ anfingen. Allein die Kaltblütigkeit vor dem Siegtreffer, eine Augenweide. Aydogmus fällt während eines Spiels außer durch seine Körpergröße nicht weiter auf. Sicher, er rackert, er kämpft, er wühlt. Aber man gewinnt nie den Eindruck, daß dieser Bulle auch nur einen Moment lang so etwas wie Torgefahr entwickeln könnte. Und dann, in einem kurzen Moment, steht er frei, hat sich Platz verschafft oder ist von einem seiner Mitspieler in Szene gesetzt worden. Und dann scheint die Zeit für ihn still zu stehen. Im Baseball gibt es die Formulierung „the game slows down for you“. Genau das scheint bei Ercan Aydogmus zu passieren. Das Spiel hält für ihn an, wird langsamer. Nur für ihn. Und er hat alle Zeit der Welt sich zu überlegen, was er als nächstes machen wird. Und dann macht er meistens das richtige. Wie beim Siegtreffer. Das solche Fähigkeiten auf den Rängen Anerkennung finden, versteht sich von selbst. Während die Tribüne beim simplen „Ercan! Ercan!“ bleib, skandierte man von Stehplatz Mitte „Ein Schuß! Ein Tor! Aydogmus!“.

Aber, nein, was ich eigentlich vorhin meinte, was diese Mannschaft besitzt und auszeichnet, ist etwas, daß kein Trikot trägt oder eine Rückennummer hat. Es ist etwas, daß ein Team selber für sich finden muß. Ein Trainer kann sicher dabei helfen, es zu finden.

Diese Mannschaft, meine Damen und Herren, hat Herz.

Ein großes, großes Kämpferherz. Ich erinnere mich mit Grausen an Heimspiele zu Oberligazeiten, in denen sicher andere Spieler auf dem Platz standen, aber in denen die Mannschaft wie ein Roboter ohne Batterieen spielte. Lustlos, gehemmt, leidenschaftslos, beamtenhaft. Das ist heutzutage völlig anders. Der Gegner geht in Front (19. Minute, Khaled Narey) und das Publikum mault? Hey, egal, stopfen wir denen eben das Maul indem wir den Ausgleich machen (30. Minute, Ercan Aydogmus). Der Gegner geht wieder in Führung (34. Minute Sebastian Hirsch)? Scheiß drauf, schießen wir eben vom Wiederanpfiff weg den erneuten Ausgleich (36. Minute, Jan-André Sievers). Nur um dann in der zweiten Halbzeit den entscheidenen Punch zu setzen (79. Minute, he scores when he wants, Ercan Aydogmus).

Der entscheidende Faktor war heute die Leidenschaft. Man möchte fast mit einem saarländischen Philisophen sprechen und ausrufen „Das Herz wird nicht auf dem Transfermarkt gehandelt. Das Herz hat seinen Platz. Es schlägt linksrheinisch!“

Nein, ein schöner, dominanter und eines Spitzenreiters würdiger Auftritt war das am Samstag Nachmittag sicher nicht. Aber ein beherzter, leidenschaftlicher und mitreißender Auftritt. Und so was ist mir lieber als seelenloser Fußball ohne Herz.

Der Preis für die beste Gegnerbeleidigung geht übrigens an den Zwischenrufer, der einen Gästespieler mit „Du Klonschaf“ bedachte. Ich mußte grinsen.

Fupa.net sah einen Kraftakt und der Rheinfussball attestiert der Fortuna „Willensstärke“.

Mannschaftsaufstellung:
Poggenborg – Sievers, Flottmann, Hörnig, Pazurek – Zinke, Andersen, Kraus, Steffen (ab 76. Minute Kialka), Kessel (ab 28. Minute Lushtaku) – Aydogmus (ab 85. Minute Kwame)

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