Scheinheiliges, allzu Scheinheiliges

Es gibt wahrscheinlich nichts lächerlicheres als Fußballfans als Lordsiegelbewahrer der reinen Lehre.

Man kann die Uhr danach stellen. Sobald der VfL Wolfsburg und 1899 Hoffenheim gegeneinander spielen, kommen die Spötter aus ihren Löchern gekrochen und gießen ihre Häme aus. Über die Künstlichkeit der „Projekte“ und – weil man gerade so schön dabei ist – über die geradezu lächerlichen Zuschauerzahlen, die diese Partien generieren.

So what?

Glücklicherweise wird niemand gezwungen sich ein Fußballspiel anzusehen. Und glücklicherweise wird auch niemand gezwungen Auswärtsfahrten mitzumachen. Glücklicherweise.

(Mal ganz abgesehen davon, daß 19:00 für Werktätige eine unglaublich beschissene Anstoßzeit ist.)

Manchmal gewinne ich den Eindruck, diese beiden Klubs (nehmen wir Leverkusen und RB Leipzig einfach noch dazu, weil’s so schön ist, dann haben wir vier) müssen als Blitzableiter für alles dienen, was in anderen Vereinen komplett falsch läuft. Und was ist das dann letztenendes? Richtig. Neid.

Neid auf Resourcen. Das mag bei etwas weniger gut betuchten Klubs zum Teil noch gerechtfertigt sein. Bei anderen? Wirkt es geradezu lächerlich.

Listen wir doch einfach mal gegen. Schalke? Kriegt natürlich nur aus purer Nächstenliebe Millionenbeträge von Gazprom überwiesen. Dortmund? Spendet die Kohle aus dem Börsengang natürlich pflichtschuldigst ans Kinderhilfswerk. Und die Bayern? Lassen sich natürlich nur widerwillig und unter Androhung von Gewalt dazu herab die Scheine der Allianz aufzusammeln.

Man sollte es einfach einsehen: die Romantik von gefühligem Vereinsleben existiert nur noch in den unteren Ligen und in kleinen Stadtteilvereinen (nein, auch St. Pauli ist Sellout, so gut man es da auch zu kaschieren vermag). Was ja auch überhaupt nicht schlimm ist.

Ihr wollt guten Sport sehen? Kein Problem, kostet eben nur Geld. Kriegt man aber nicht allein durch Zuschauereinnahmen. Da braucht es noch Sponsoren und Investoren. Deswegen ist das ganze … richtig … Business.

Ich würde mir manchmal wünschen deutsche Sportfans wären weniger romantisch verblendet und würden sich ein Beispiel an ihren nordamerikanischen Counterparts nehmen. Da akzeptiert man diese Vorgaben ohne zu murren. Das macht es wesentlich angenehmer.

Sowohl Wolfsburg als auch Hoffenheim haben sich sportlich qualifiziert. Für die Bundesliga und auch für das DFB-Pokal Viertelfinale. Sie machen lediglich auf größerer Ebene das, was jeder andere Profiverein macht. Vor talentierten Spielern mit Geldscheinen wedeln. Weil sie eben mehr Geld haben. Ist das verwerflich? Nein.

Fühle ich mich als Anhänger eines Vereins, der in unterklassigen Ligen spielt, deswegen verarscht? Warum sollte ich? Auch bei Fortuna gibt es Investoren. Anders geht es eben nicht. Es kostet halt … genau … Geld.

Get used to it.

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2 Gedanken zu „Scheinheiliges, allzu Scheinheiliges

  1. Du vergisst hier in meinen Augen den nicht freien Zugang zum Markt. Lex LEV wurde eben wegen der „Tradition“, die Bayer als Geldgeber hat eingeführt, WOB schloss sich an. Das Konstrukt RB Leipzig mit seinem Stammverein, dem sechs (oder was weiß ich wie viele aber nicht sonderlich mehr) Mitglieder angehören, weil schlicht keine Mitglieder, die nicht in Richtung RedBull Entscheidungen treffen, aufgenommen werden und schließlich Hoffenheim: Hopp ist weder Vorstandsmitglied noch sonst in irgendeinem Amt, fällt aber die Entscheidungen (ich erinnere an den Luiz Gustavo-Wechsel). Das ist eigentlich unvereinbar mit der Regelung, die die DFL den „anderen Vereinen“ auferlegt. Wenn wir schon über amerikanische Verhältnisse sprechen, dann aber auch bitte mit allem drum und dran. Dann muss Kind in Hannover endlich machen dürfen, was er will, dann dürfte REWE den effzeh kaufen und mit Geld zuschmeißen und irgendwann spielen dann in der Bundesliga Mannschaften mit Namen, wie man sie nur aus Österreich kennt. Das wird so kommen, da bin ich sicher und ich sehe da auch wenig verwerfliches dran aber es müssen vorher für alle Mitglieder der DFL einheitliche und gleiche Zugangsmöglichkeiten bestehen und das ist schlicht nicht der Fall. Wenn das so wäre, dann gäbe es nämlich kein Hoffenheim oder Leipzig über die wir uns „streiten“, dann wäre Hopp zu Waldhof Mannheim gegangen und Red Bull nach Dresden. Das sind aber eben Vereine, die den Menschen am Herzen liegen und die nicht im Kommerz aufgehen sehen (sahen?) wollten. Die Kosten dieser „romantischen Verklärung“ sind dann eben der sportliche Misserfolg. Da gibt es nur Hü oder Hott. Und genau da liegt der Fehler.

    • Ich wollte eigentlich in eine andere Richtug, aber gut.
      50+1: Du hast mit allem, was du sagst, recht. Meine Gegenfrage wäre: und? Chancengleichheit starb mit der Einführung der Champions League. Im Waldhof wären sie froh, hätten sie jetzt Hopps Milliarden (auch wenn sie das bestreiten werden), VW hätte sich auch ein anderes Spielzeug suchen können (bzw hat sie längst mit Werder, Schalke, Hannover, Braunschweig und Bayern). Und in leipzig scheinen die leute froh zu sein, daß es endlich wieder höherklassigen Fußball zu sehen gibt und nicht das Gerumpel der anderen beiden Vereine.
      Für Profifußball braucht man Geld. Die einen haben es, die anderen nicht.

      Was mich stört ist die willkürliche Unterteilung und vor allem Vorverurteilung in Gut und Böse. Haben die Leute, die in Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen ins Stadion gehen, kein Recht, sich das Spiel da anzusehen? Müssen sie sich stattdessen immer die Häme anderer „Fans“ gefallen lassen, die Anhänger ach so toller Traditionsvereine sind?

      Bloß weil in einigen Stadien mehr Zuschauer sind als in anderen, macht es die Vereine nicht schlechter. Ich finde es einfach lächerlich, sich über die Zuschauerzahl in Hoffenheim lustig zu machen. Das Spiel war super. Hätte mehr Zuschauer verdient gehabt. Und das war es dann auch.

      Vereine, die Menschen am Herzen liegen, sind letztendlich auch nur Wirtschaftsunternehmen, die gewinnmaximierend arbeiten. Die gesamte romatische Verklärung von „Fankultur“ ist in dem Zusammenhang nur Fassade. Es sieht schön aus, aber notwendig für das Spiel ist es nicht.

      Wir hatten, glaube ich, diese Diskussion schon mal, und werden da auch auf keinen grünen Zweig kommen. Mir reicht ein Feld, zwei Mannschaften und ein Ball. Du willst das ganze Drumherum. Und das ist mir, speziell in Deutschland, mittlerweile zu eintönig und langweilig.

      (Wir sollten uns zu dem Thema nochmal auf ein Kölsch treffen)

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