Flagge zeigen – Urawagate

Viel wird geredet über Verantwortung von Fußballprofis. Ein Ex-Effzehler machte an diesem Wochenende vor, wie es geht.

Die J.League liegt mir persönlich, auch durch mein Interesse an Japan, sehr am Herzen. Ich habe zwar erst ein Spiel im Stadion gesehen, bin aber immer wieder durch Youtube-Videos, Unterhaltungen mit Freunden und durch die Spiele selbst begeistert. Auch wenn der Fußball in Japan bis in die hinterste Ecke durchkommerzialisiert ist, so finden sich immer wieder Besonderheiten, welche die Liga für mich interessant machen. Und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Überall auf der Welt gibt es nicht-Japaner, die die J.League in ihr Herz geschlossen haben.

Am Wochenende nun hing beim Spiel Urawa Red Diamonds gegen Sagan Tosu (0:1) ein Banner vor dem Eingang von Block 209 in der Kurve der Urawa Fans. Auf diesem Banner stand „Japanese only“. Ich hatte diesen Samstag keine Zeit, die Spiele zu verfolgen, weil ich arbeiten mußte, deswegen bekam ich die Reaktionen auf Twitter sehr zeitverzögert mit. Das erste, was mir auffiel, war dieser Tweet:

Genau, daß kam von Tomoaki Makino, Seines Zeichens ehemaliger Spieler des 1.FC Köln und jetzt Antreiber und Führungsspieler bei den Urawa Reds. Und er findet sehr deutliche Worte über das, was er auf dem Bild sieht:

„Nicht nur haben wir das heutige Spiel verloren, es gab auch noch diese bedauernswerte Sache.
Das Zeichen von Urawa auf dem Rücken tragend, in diesem Trikot alles gebend kämpfend, stolz auf dieses Team sein.
Es darf nicht sein, daß so etwas gegen fremde Spieler gerichtet wird.
Wenn man so etwas macht, dann werden Fans und Spieler nicht eins und man erzielt keine Ergebnisse…“

(Die leicht blumige Sprache sei verziehen, Japanisch läßt sich nur sehr schwer 1:1 übersetzen.)

Ich war beeindruckt. Ein Profispieler, der ein Bild aufgreift, daß während des Spiels von Besuchern des Stadions geschossen wurde und sehr klare Worte findet. So etwas würde man sich in Deutschland auch wünschen. Einen Dortmunder Spieler, der nach einer Fascho-Aktion auf der Südtribüne kein medientrainergewaschenes Geschwurbel eiert, sondern Klartext redet. Einen Braunschweiger Spieler, der etwas zu den Zuständen in seinem Stadion sagt. Einen Aachener Spieler, der sich klar auf die Seite der antirassistischen Fans stellt. Leider (bis jetzt nicht vorhanden). Makino hingegen macht ziemlich klar, daß er auf diese Scheiße keinen Bock hat. Und auch wenn er seinen Tweet nicht mit „Nazis raus“ schließt, sondern eher auf Zusammenhalt setzt, finde ich seine Aussage gut und wichtig.

Erfreulich war auch die Reaktion meiner japanischen Twitter Timeline. Durchweg Enttäuschung, Schock und Wut auf die Personen, die sich für dieses Banner verantwortlich zeigen.

„An die Urawa-Leute: Das ist ein 3 Jahre altes Bild, auf dem sich Nadeshiko für die Hilfe und Unterstützung, die das vom schweren Erdbeben in Tohoku gebeutelte Japan aus der ganzen Welt erhalten hat, bedankt. Urawa, habt ihr den erst drei Jahre zurückliegenden Support aus der ganzen Welt vergessen?
Urawa, ihr hat alles ruiniert.“

„Liebe ausländische Supporter. Ich entschuldige mich aufrichtigst. Das ist die Schuld eines idiotischen Teils der Anhänger. Obwohl Japans Fußball als sauber verkauft wird, ist so etwas Trauriges passiert. Eine Bestrafung wird unvermeidbar sein. Wenn so etwas nochmal passiert, wird hoffentlich jemand da sein, der den Verantwortlichen sofort zur Rechenschaft zieht.“
(Interessanterweise benutzt der User das Wort „gaijin“ für Ausländer, was wesentlich unhöflicher ist als „Gaikokujin“. Aber gut, die Intention zählt…)

„Das wird vor den Augen des Stadionpersonals einfach so hängengelassen! Mir tut der Kopf weh.“

„Die Follower aus dem Ausland sind sehr enttäuscht. Leute, die „Heute ist ein trauriger Tag“ twittern, sind auch dabei. Derjenige, der dieses Banner aufgehängt hat ist scheiße, aber wahrscheinlich sind er und seine Freunde genauso Japaner wie wir. Wir dürfen so etwas nicht nochmal zulassen. #Als J.League Supporter bin ich gegen Rassismus“

Während des Spiels scheint man im Saitama Stadion zögerlich gewesen zu sein, wie man mit dem Banner umgehen sollte. Es hing wohl während der ganzen 90 Minuten dort und die Stadionsecurity reagierte wohl auch erst darauf, als sie von japanischen und auslänidischen Besuchern darauf aufmerksam gemacht wurde und immer mehr Leute Bilder davon machten. Als Begründung für die langsame Reaktion wurde das Protokoll bemüht. Zum Abhängen hätte man erst mit dem Besitzer des Banners sprechen müssen, der sei während des Spiels aber nicht ausfindig zu machen gewesen.

Die offizielle Reaktion des Klubs kam dann irgendwann in der Nacht (japanische Ortszeit). Man werde der Sache nachgehen und für die verantworlichen Personen Konsequenzen ziehen. Auch hier alles wieder in sehr blumige Sprache verpackt, aber so macht man das in Japan eben. Ich fand allerdings erstaunlich, daß der Verein noch am gleichen Tag reagiert hat (auch wenn viele J.League Supporter fanden, daß es viel zu lange gedauert hat und die Erklärung viel zu schwammig sei). Mein Eindruck von Bundesligavereinen ist, daß man sich da etwas mehr Zeit läßt.

Im Laufe des folgenden Tages kamen immer mehr Informationen über Twitter. Zum Beispiel, daß es bei Spielen mit Beteiligung von Urawa in den letzten Jahren ab und an zu rassistischen Vorfällen gekommen sei. Tadanari Lee, ein „Zainichi“ (in Japan geborener Koreaner) und seit dieser Saison bei Urawa unter Vertrag, soll von den eigenen Fans rassistisch beleidigt worden sein.

Auch hingen beim Spiel gegen Sagan Tosu japanische Flaggen an der Brüstung, auf denen 日本人 („Japaner“) stand.

Als Erklärung wurde gegeben, daß die Fans stolz darauf seien, daß Urawa als eines der wenigen J.League Teams eine rein japanische Mannschaft auf’s Feld geschickt hätten. Aber braucht man dafür die japanische Flagge aus dem 2. Weltkrieg als Hintergrund? Natürlich gibt es dann auch immer Idioten, die für so einen Mist eine Erklärung parat haben.

Es sollen auch rassistische Sprechchöre zu hören gewesen sein. Die J.League geht der Sache momentan nach.

Die Urawa Reds scheinen als Klub an den Entwicklungen nicht ganz unschuldig zu sein. Sicher, was die Fans auf die Beine stellen ist jedes Mal wieder beeindruckend. Man hat einen der größten Auswärtsmobs und bei den Protesten gegen die Ligareform auf zwei Halbserien, deren Sieger dann in einem Endspiel den Meister stellen sollen (ab 2015), waren die Urawa Supporter an vorderster Front. Aber sie gelten auch als extrem rauflustig und teilweise gefährlich. In den letzten Jahren ist es zu mehreren gewaltsamen Vorfällen mit Urawa-Beteiligung gekommen.

Was hingegen positiv war, waren die Reaktionen der unterschiedlichsten J.League Fans. Nicht nur, daß die meisten Urawa Supporter klarstellten, daß es sich bei den Verantwortlichen dieses Banners um eine Minderheit im Stadion handelt (Urawa hat einen Schnitt von ca. 47.000 Besuchern pro Spiel) und ich das denen auch abnehmen will. Es gab zum Beispiel solche Tweets:

Am folgenden Sonntag, der traditionell der zweiten Liga in Japan gehört, hatten einige Fans schon reagiert. In Gifu hing bei der Partie FC Gifu gegen Kataller Toyama beispielsweise dieses Plakat in der Kurve.

Und in Sapporo beim Spiel Consadole gegen Montedio Yamagata hatte man dieses Banner über den Eingang zum Fanblock gehängt. Aufschrift „Nur für Leute, die es lieben anzufeuern“ (was im Japanischen wesentlich deutlicher zu „Japanese only“ abgrenzt, als es zu übersetzen ist):

Ich kann nur nochmal betonen, daß ich als Tourist in Japan bis jetzt noch nie Probleme hatte und mich immer sehr wohl und sicher gefühlt habe. Die Aktion dieser Spinner in Urawa wird daran sicher nichts ändern und wird mich auch nicht davon abhalten irgendwann einmal im Saitama Stadion ein Spiel anzuschauen. Und ich bin gespannt, wie die Fangruppen der J1 am nächsten Wochenende reagieren werden. Urawa muß zum amtierenden Meister Sanfrecce nach Hiroshima.

Nachklapp:

Makino scheint sich momentan leider nicht zu seinen Aussagen vom Wochenende äußern zu wollen. Schade.

Dafür hat Hajime Hosogai gestern vor dem Spiel gegen Mainz noch ein Statement abgegeben, in welchem er die Vorfälle im Saitama Stadium verurteilt.

„Guten Morgen.
Heute fahre ich nach Mainz. Morgen spielen wir gegen Mainz, wo Oka-chan (Shinji Okazaki) mitspielt. Ich werde wieder versuchen bis zum Umfallen alles zu geben.

Außerdem habe ich heute sehr traurige Nachrichten aus Japan gehört. Es scheint, als hat es in der J.League ein Banner mit rassistischem Inhalt gegeben. Ich weiß nicht, was die Absicht der leute war, die dieses Banner aufgehangen haben. Wenn die Bedeutung dieses Banners aber tatsächlich rassistischer Natur war, dann ist das für jemanden wie mich, der im Ausland lebt und Fußball spielt ein sehr bedauerlicher Vorfall.

Es ist immer meine Einstellung gewesen, daß jede noch so kleine Beleidigungen keinen Gewinn darstellt. (…) Ich spiele im Ausland, deswegen ist so etwas sehr traurig für mich und verletzt mich persönlich sehr. ich habe im Ausland sehr viele Freunde. Ich lebe im Ausland, hier sind sehr viele Leute sehr wichtig für mich.

Ich hoffe, daß so etwas nie wieder vorkommt.“

Man muß wissen, daß eine Aussage wie „verletzt mich persönlich sehr“ für Japaner sehr ungewöhnlich ist. Insofern bezieht Hosgai hier auch sehr deutlich und klar Stellung.

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