Moderne Zeiten

Der Fußball stirbt. Ermordet wird er vom modernen Fußball. Geldgeil. Rücksichtslos. Traditionsvergessen. Schlimm. Schlimmer finde ich allerdings das Gejammer der Lordsiegelbewahrer der reinen Lehre.

Ich weiß, beliebt mache ich mich mit so einer Meinung nicht. Vermutlich ist es – wie fast in jeder Lebenslage – alles eine Frage des eigenen Standpunkts. Aber mir geht die ewige Jammerei über den Erfolg sogenannter Retortenklubs mittlerweile nur noch auf den Geist. Warum ist das so?

Nun, weil ich die grundsätzliche Kritik an den Vereinen nicht wirklich nachvollziehen kann. Geld macht den Sport kaputt. Da muß man schon sehr kreativ sein, um da selber dran zu glauben. Liebe Leute, die Wettbewerbsgleichheit, die ihr davonschwimmen seht, hat sich in den letzten 20 Jahren völlig ohne das Zutun von Brauseherstellern, Pharmafirmen oder Autokonzernen verabschiedet. Das ist es im Grunde genommen nur logisch, daß sich eine Firma einen Verein schnappt, um ihn mit Geld gemästet an die Fleischtöpfe des europäischen Fußballs zu führern. Und konsequent.

Das Geld in Fußballvereine gesteckt wird, um sie nach oben zu pushen ist nun wirklich nichts ungewöhnliches. Das wird in der Spitze ja auch gemacht. Nur regt sich seltsamerweise niemand auf, wenn Riesenkonzerne ihre Kohle in Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke 04 pumpen. Aber, okay, sicher, Mitbestimmung, das ist es, worauf es ankommt. Kann ja nicht sein, daß der Sponsor alles bestimmt. Das wiederum die Sponsoren bei den jeweiligen Vereinen im Aufsichtsrat rumturnen, scheint dann auch wieder egal zu sein. Sind eben Traditionsvereine.

Traditionsvereine. Wer legt eigentlich fest, ab wann ein Verein sich Traditionsverein nennen darf? Was macht das aus? Das Alter? Wieso dürfen die Kölner dann da rumspringen? Vielleicht der Erfolg der Vergangenheit? Ab wann setzt das dann ein? Muß der Erfolg vor 1960 gewesen sein? Früher? Später?

Die Bezeichnung ist, mit Verlaub, kompletter Schwachsinn. Erschaffen, um wenigstens ein bißchen Heimeligkeit im Business vorzugauckeln und sich von anderen abzugrenzen. Fußballvereine, die auf höchstem Niveau spielen, sind in erster Linie eins: Firmen. Ein Geschäft. Nix Verein. Nix Tradition. Es geht ums Geld. Das sollte man sich immer wieder vor Augen führen. Es gilt, ein Stadion, eine Mannschaft, einen Betreuerstab, eine Verwaltung, etc. zu finanzieren. Dafür braucht man Geld. Das muß irgendwo herkommen. Im Idealfall aus sportlichem Erfolg. Im Normalfall kommt es von Sponsoren.

Im Oberhaus kommen wenigstens noch kalkulierbare Fernseheinnahmen dazu, weiter unten wird das schon schwieriger. Hält ein Verein die Klasse nicht, klafft auf einmal ein ziemliches Loch in der Kasse. Diese Löcher wollen gestopft werden. Und wer macht das? Richtig, Sponsoren – oder eben Investoren und Mäzene. Anders ist ein Aufstieg heutzutage kaum noch zu finanzieren. Oder warum hat mittlerweile eigentlich fast jeder Verein, der in den unteren Ligen den Versuch unternimmt, etwas weiter nach oben zu kommen, einen mehr oder weniger potenten Geldgeber im Hintergrund?

Natürlich, es gibt auch immer noch die anachronistischen Ausnahmeerscheinungen. Vereine, in denen die Anhängerschaft die Richtung vorgibt. Nur, wo führt die hin? In den seltensten Fällen ganz nach oben. Ein Zweitligaklassenerhalt kann da schon als Erfolg gewertet werden.

An die Fleischtöpfe kommt man damit nicht. Die sind unerreichbar. Und werden es immer bleiben. Weil sich die wirklich großen Firmen und Unternehmen nicht für irgendwelche Provinzvereine interessieren, sondern entweder für den Klub, der in der gleichen Stadt wie der des Firmensitzes spielt. Oder für den größten Haufen, um den die meisten Fliegen schwirren. Das sich die Scheichs Manchester City oder Paris St. Germain ausgesucht haben, und eben nicht den 1.FC Saarbrücken oder Holstein Kiel, ist mit Blick auf globale Vermarktung (a.k.a. mehr Werbepräsenz, etc) völlig nachvollziehbar. Auch die Entscheidung der österreichischen Brause für Leipzig macht in dem Zusammenhang Sinn. Da war mal was, dann lange nix mehr. Und das Einzugsgebiet ist ansprechend. Der Erfolg gibt ihnen in dem Zusammenhang recht.

Nein, die Geldsäcke sind nicht Schuld daran, daß euer Verein es in den meisten Spielzeiten nie mehr bis ganz nach oben schaffen wird. Dafür haben die Fußballfunktionäre mit den Umstrukturierungen ihrer Ligen und Wettbewerbe ganz alleine gesorgt. Und eine wirkliche Lösung gibt es dafür auch nicht. Oder glaubt irgendjemand, daß das Financial Fairplay irgendetwas ändern wird? Auch ein Salary Cap – was sich ohne Zustimmung der Spieler eh nie durchsetzen lassen dürfte – würde vermutlich nur wenig ändern. Die aktuelle Lage ist für’s erste zementiert. Damit müsst ihr euch leider abfinden, ob ihr nun wollt oder nicht.

Aber man kann ja so schön viel Häme über die ungeliebten Schmuddelkinder ausschütten. Und wenn es schon nicht zum sportlichen Erfolg reicht, dann hält man wenigstens was auf seine große Anhängerschar. Warum eigentlich? Was ist so unglaublich toll daran, daß so viele Menschen zu einem Verein ins Stadion gehen? Was macht den Verein dadurch besser? Bzw. warum genau sind die Anhänger eines „kleineren“ Vereins so unglaublich schlimm, wenn sie nicht in Scharen ihren Klub unterstützen? Oder wie soll man die Kommentare verstehen, die jedes Mal zum besten gegeben werden, wenn Wolfsburg gegen Leverkusen spielt? War der 1.FC Köln in den 80ern dann auch Scheiße, weil sich bei einigen Heimspielen nur 8.000 Leute in der Schüssel in Müngersdorf rumgetrieben haben? So wirklich hat mir das noch niemand erklären können.

Mir wurde vom @spielbeobachter vorgeworfen, ich sei ein Heuchler, weil ich kein Problem mit den Retortenklubs habe, aber wohl etwas gegen zweite Mannschaften in unteren Ligen. Stichwort „Wettbewerbsverzerrung“. Da hat er sicher ein Stückweit recht, allerdings sehe ich schon einen Unterschied, ob man sich wegen einem Verein aufregt, der auf einmal einen Startplatz belegt, und ob man sich beschwert, weil mehrere Vereine mit ihren zweiten Mannschaften die unteren Ligen verstopfen. Das eine (ersteres) ist ein Geldproblem. Denn ohne Geld, wäre der Verein nicht da angekommen, wo er jetzt steht. Womit wir wieder bei meinen Ausführungen weiter oben wären. Das andere sind Regularien, und an denen kann der Verband drehen. Sicher, er könnte auch an dem „Geldproblem“ drehen, nur wären dann wahrscheinlich schlagartig zwei Drittel der ersten und zweiten Liga ohne Lizenz. Die zweiten Mannschaften in den unteren Ligen hingegen sind ein Ärgernis, nicht nur, weil sie grundsätzlich den Wettbewerb viel stärker verzerren, als es die Sponsoren, Mäzene und Investoren in den oberen Ligen tun. Denn die mästen die erste Mannschaft. Die zweiten Mannschaften hingegen haben keinen fixen Kader. Als Gegner muß man immer hoffen, daß nicht zufällig ein (oder mehrere) Spieler aus der ersten Mannschaft zu Besuch kommen und mit einer Einzelaktion das komplette Spiel entscheiden. Mehr als unschön.

Insofern, und da sehe ich dann tatsächlich einen Zusammenhang (aber auch nur da), ist das, was in Leipzig, Salzburg, New York und anderswo unter dem Logo mit den zwei Bullen aufgezogen wird, recht nah an dem dran, was bei den zweiten Mannschaften passiert. Allerdings eben nur im Rahmen der Transferphasen. Einfach einen Spieler von A nach B zu verschieben gelingt auch dem Brauseimperium nicht.

Ich lasse mich in dem Zusammenhang gerne als Heuchler beschimpfen, ich sehe da schon noch einen gehörigen Unterschied. Die viel beschrieene Wettbewerbsverzerrung, die durch Vereine wie Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim oder Leipzig stattfinden soll, sehe ich nicht. Bzw unter Berücksichtigung der Bundesligageldsäcke München, Dortmund oder Schalke sehe ich da nicht wirklich einen Unterschied. Einige Vereine haben eben mehr Geld, andere weniger. Siehe oben.

Machen wir uns doch nichts vor, damit ein normaler Zweitligaverein, ach was, damit ein durchschnittlicher Bundesligist irgendwann mal Deutscher Meister werden kann, müssen dermaßen viele Dinge zusammenkommen, daß es fast unmöglich ist. Ich sage nicht, daß es völlig unmöglich ist, aber eben fast. Als Aufsteiger bleibt einem eigentlich nur der Weg, den Fürth und Braunschweig vernünftigerweise gegangen sind. Der so aussieht, daß man die erste Liga und die damit verbundenen Fernsehgelder mitnimmt, sich aber nicht der Illusion hingibt, sich den Klassenerhalt kaufen zu können. Das kann man nämlich nur, und da wären wir wieder am Anfang, wenn man, wie Leipzig, einen finanzstarken Investor im Rücken hat. Den können sich Fürth oder Braunschweig natürlich auch suchen. Niemand wird sie daran hindern. Die Frage ist nur, ob ihre Anhängerschaft das mitmacht.

Der Sport Fußball an sich ist für mich immer noch recht simpel. Ein Platz, 22 Spieler, ein Schiedsrichtergespann, zwei Tore, ein Ball, 90 Minuten (manchmal mehr). Fertig. Mehr brauche ich jedenfalls nicht. Ob die eine Mannschaft mehr Geld zur Verfügung hat als die, die ich gerade anfeuere (oder umgekehrt), ist zweitrangig. Großes Stadion, Laufbahn, Dorfplatz, alles völlig egal. Viele Zuschauer, Fangesänge, leere Tribünen, Stille, interessiert mich nicht. Es geht mir in erster Linie einzig und allein um das Spiel. Ich mag damit alleine stehen, aber vielleicht erklärt es ein wenig die Ansichten, die ich oben beschrieben habe.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Und das Faß „Fankultur“ mache ich dann ein andermal auf, dazu fehlt mir gerade die Muße.)

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